Archiv des Autors: Udo Wenzl

Wenn junge Menschen sich für eine bessere Mobilität einsetzen: Pavlos Wacker engagiert sich im Rat der Jugend

Pavlos Wacker aus Biederbach engagiert sich im „Rat der Jugend im Zweitälerland“ und setzt sich für mehr Mobilitätsangebote in seiner Region ein. Biederbach und die Gemeinden Elzach, Gutach im Breisgau, Simonswald und Winden im Elztal arbeiten gerade in einem interkommunalen Mobilitätsprojekt zusammen. Gemeinsam mit der Großen Kreisstadt Waldkirch wollen sie das Mobilitätsangebot für Jung und Alt verbessern (siehe https://www.partizipations-blog.de/2015/08/mobilitaetsperspektive-im-laendlichen-raum-fuer-jung-und-alt/)

Wie bist du öffentlich in Deiner Region unterwegs und wie bewertest Du das Mobilitätsangebot im Zweitälerland?

Ich bin auf den ÖPNV angewiesen. Jeden Morgen fahre ich mit der Breisgau S-Bahn in die nächstgrößere Kreisstadt Waldkirch, um in die Schule zu gehen. Und nach der Schule zurück. Wenn ich Freunde besuche oder abends irgendwo hinfahren möchte, bin ich erneut auf den Zug angewiesen. Prinzipiell ist das Mobilitätsangebot in meiner Region in Ordnung. Zu Stoßzeiten zumindest, fahren vermehrt Buse und Züge, leider nur im ein Stunden Takt. Problematisch wird es früh morgens oder nachts, teils auch am Wochenende, wenn keine Öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs sind. Ich musste schon häufiger nachts meine Eltern kontaktieren, weil keine Züge oder Buse fuhren. Die Breisgau S-Bahn beispielsweise, fährt nur bis 23:00 Uhr. Es gibt nur gelegentlich Nachtbusse, die auch nicht alle Dörfer in der Region abdecken. Teilweise ist es verständlich, dass profitorientierte Verkehrsgesellschaften nur stündlich oder zu Stoßzeiten unterwegs sind. Darunter „leiden“ tun eben alle die, die auch am Wochenende oder nachts unterwegs sind, daher sind wir vor allem im ländlichen Raum, auf Nachhaltige Mobilitätsalternativen angewiesen.

Wie wichtig ist das Fahrrad bei Dir im Dorf und in deiner Region, um unterwegs zu sein?

Meiner Meinung nach ist das Fahrrad im ländlichen Raum essentiell. Ich wohne in Biederbach und muss, wenn ich Einkaufen, zum Freibad oder sonst wohin will, das Fahrrad nutzen. Wenn ich Zeit habe, fahre ich auch in die nächstgrößere Stadt Waldkirch. Außerdem wird das Fahrrad in meiner Region auch häufig zu sportlichen Zwecken genutzt. Da bietet sich der Schwarzwald besonders an.

Du engagierst Dich im Rat der Jugend. Was hat dich dazu bewegt und was sind die zentralen Themen und Anliegen?

Zwei Dinge. Das Problem der eingeschränkten Mobilität musste ich am eigenen Leib erfahren. Als ich vor einem Jahr hergezogen bin, habe ich schnell gemerkt was für ein immenser Unterschied es ist, in einer großen Stadt zu wohnen oder in einem Dorf. Vor allem im Jugendalter möchte man so frei und unabhängig sein, wie irgend möglich. Auf dem Land ist dies eben nicht so einfach. Im Alltag ist das eines der größten Einschränkungen, die man auf sich nimmt. Nicht Mobil zu sein.
Wegen meinem Interesse an Politik, hat mich ein Freund gefragt, ob ich den nicht mal Lust hätte zu einem Treffen des Rats der Jugend mitzukommen. Es hat vom ersten Tag an Spaß gemacht. Momentan geht es um den Ausbau von Mobilitätsangeboten, durch eine Mobilitätsplattform im Elz- und Simonswäldertal. Wie kann man die Mobilität im ländlichen Raum voranbringen? Wie wird Mobilität Nachhaltig? Wie kann man Entscheidungsträger dazu bringen, mit uns an einem Strang zu ziehen? Dies sind alles Fragen mit denen wir uns Beschäftigen.

Wann hat sich dein Engagement „gelohnt“?

Das tolle an einer Jugendbeteiligungsinitiative ist, dass wir ständig die Möglichkeit bekommen etwas langfristig zu verändern. Am schönsten ist es, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, dass man ernst genommen wird. Beispielsweise haben wir im Stuttgarter Landtag die Möglichkeit bekommen mit Abgeordneten unseres Wahlkreises zu sprechen. Bei einem weiteren Treffen mit Senioren und Menschen mit Behinderung, konnten wir das Projekt vorstellen und haben Input erhalten für das weitere Vorgehen. Dies waren sehr motivierende Treffen, die mich persönlich zum Weitermachen animiert haben.

Was glaubst du, wie sich Dein Leben nach der Schule gestalten wird?

Nach meinem Abitur nächsten Sommer würde ich gerne Politikwissenschaften studieren. Auf jeden Fall möchte ich weiterhin in Projekten aktiv bleiben. Es macht unheimlich Spaß und es ist schön zu sehen, dass man etwas zu langfristigen Lösungen beitragen kann. Schön wäre es zu sehen, ob das hiesige Mobilitätsprojekt von der Bevölkerung angenommen wird. Aber ich glaube, dass das Projekt zukunftweisend und eine seriöse Alternative zu dem bisherigen Mobilitätsformen wird!

Mobilitätsperspektive im ländlichen Raum – für Jung und Alt!

Ein Praxisbeispiel aus dem Zweitälerland (Elz- und Simonswäldertal, Landkreis Emmendingen)

von Udo Wenzl

Mobilität ist heute zu einem Stück Selbstverständlichkeit geworden, gehört zum modernen Leben und ist eine wesentliche Grundlage für die Teilhabe am öffentlichen Leben. Sie ist notwendig, um zur Arbeit, zur Schule, zum Einzukaufen und/oder zu Freizeitorten zu gelangen. Gerade in den ländlichen Regionen ist die Weiterentwicklung der Mobilität ein wichtiges und zukunftsweisendes Thema. Nicht nur für die Jugendlichen einer ländlichen Region, sondern auch für die älteren Mitbürger*innen, die z.B. bewusst auf ihr Auto verzichten möchten, besteht großer Handlungsbedarf, da die klassischen Mobilitätskonzepte mit einem ausgedünnten Netz an Linienbussen und Regionalzügen in vielen ländlichen Gebieten besonders für die Bedürfnisse der Jugendlichen nicht mehr ausreichen. Die Suche nach passgenauen Mobilitätsangeboten hat begonnen und die Zahl der Mitfahr-Plattformen nimmt zu.

Damit junge Menschen in der Region, in der sie aufgewachsenen sind, bleiben, brauchen sie mehr bedarfsgerechte Mobilitätsangebote. Dies allein schafft der ÖPNV nicht. „Wir müssen für die Zukunft auch verkehrsträgerübergreifend denken. Und beispielsweise die Dienstleistung von Carsharing-Anbietern und Mitfahrzentralen in die Planungen (des Personennahverkehrs – Anmerkung des Autors) mit einbeziehen. Internet und Smartphones sind da hilfreich, denn sie erleichtern es Kunden, eine Dienstleistung unkompliziert abzurufen“ so z.B. die Geschäftsführerin der Südbadenbus GmbH Simone Stahl (Quelle: Badische Zeitung 05.12.2014).

Viele ländliche Regionen arbeiten bereits an nachhaltigen Mobilitätskonzepten. Es lohnt sich diese genauer unter die Lupe zu nehmen. Ganz aktuell nimmt der Schwarzwald-Baar-Kreis an einem Pilotprojekt mit flinc und Südbadenbus teil. Einzelne Kommunen, wie z.B. St. Georgen (Schwarzwald), oder einige Kommunen im Rems-Murr-Kreis haben eine Mitfahrbörse (in beiden Fällen mit flinc) eingerichtet. Die Halbinsel Höri im Landkreis Konstanz hat mit „Höri mit“ ein ganz eigenes System des Mitfahrens entwickelt (www.hoeri-mit.de).

Jugendliche und der „Rat der Jugend“ setzen sich für mehr Mobilität ein – Halbzeit beim Modellprojekt im Zweitälerland Im Anschluss an das LEADER – Projekt „Die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum“ (https://www.partizipations-blog.de/2015/02/die-zukunft-der-jugend-im-laendlichen-raum-ein-leader-projekt/) startete der „Rat der Jugend im Zweitälerland“ mit der Umsetzung der Projektidee zur Einrichtung einer Mobilitätsplattform durch. Allen Beteiligten war klar, dass es hierzu erstmal einen Vorlauf benötigt. Es fand daher bereits eine Mobilitätskonferenz mit rund 80 Teilnehmer*innen, mit Referenten von SBG SüdbadenBus GmbH, der flinc AG (eine dieser Mobilitätsplattformen) und dem Landratsamts Emmendingen statt. Auch wurde eine Diskussionsveranstaltung mit den Seniorenräten und Beiräten für Menschen mit Behinderung aus den Gemeinden des Elz- und Simonswälder Tales mit über 30 Teilnehmer*innen organisiert. Die Unternehmen wurden mit ins Boot geholt. Es fand eine Schulung zur „Nachhaltigen Mobilität“ mit 15 Jugendlichen statt, die jetzt wiederum als Multiplikatoren in Schulen, Vereinen und in Jugendtreffs Mobilitätsworkshops anbieten und durchführen. Vertreter*innen des ‚Rats der Jugend‘ haben das Projekt im Kabinettsausschuss für Bürgerbeteiligung der Landesregierung und beim Jugendlandtag Baden-Württemberg (www.wasunsbewegt-bw.de) vorgestellt.

Stand der Dinge ist, dass zwei der möglichen Mobilitäts-Plattformen in der engsten Auswahl sind und im September eine Entscheidung getroffen wird, welche der angebotenen Plattformen für die Region am besten passt.

Die Jugendlichen bringen sich, mit Unterstützung eines Projektteams, als Expert*innen in eigener Sache ein. Verbesserungsmöglichkeiten für den ÖPNV sowie Ideen für weiterführende Mitfahrsysteme wurden diskutiert und konkrete Lösungsvorschläge erarbeitet. Auf Initiative des „Rats der Jugend“ wurde gemeinsam ein Netzwerk mit den Gemeinden (Bürgermeistern), Senior*innen und Unternehmen aufgebaut, um die Umsetzung der Verbesserungsvorschläge möglich zu machen. Das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg unterstützt das Projekt der Jugendbeteiligung sowie das Bildungsangebot zur „Nachhaltigen Mobilität“ finanziell. Im Rahmen einer Bildungsfahrt in den Landtag von Baden-Württemberg wurde das Projekt u.a. den Wahlkreisabgeordneten und dem begleitenden Mitarbeiter des Verkehrsministerium vorgestellt (siehe: http://www.jungerlandtag-bw.de/files/live/sites/yltbw/files/dokumente/Mobil%20im%20Tal.pdf).

Die Jugendlichen setzen sich interkommunal dafür ein, das Mobilitätsangebot in ihrer Region nachhaltig zu verbessern. Die Umsetzung rückt in greifbare Nähe. Dieses Projekt zeigt, wie politische Bildung und Beteiligung ganz konkret und verzahnt gestaltet werden kann und gibt Impulse dafür, wie in einer ländlich geprägten Region interkommunal zusammen gearbeitet wird.

Neues Konzept geht auf: 160 jugendliche Expert*innen beraten Jugendhilfeausschuss in Villingen-Schwenningen

von Franz Sauerstein (http://franzsauerstein.de/)

Villingen-Schwenningen wagt sich an den Prozess Jugendbeteiligung und kombiniert dabei bewährte Methoden mit noch nicht dagewesenen Ideen – mit durchschlagendem Erfolg: Der Gemeinderat von Villingen-Schwenningen gab in Auftrag ein Jugendbeteiligungskonzept zu entwickeln. Udo Wenzl schlug eine Beteiligungswerkstatt in Verzahnung mit einer offiziellen Sitzung des Jugendhilfeausschusses vor. Auf diese Weise können die teilnehmenden Jugendlichen hautnah und sofort erleben, wie auf Ihre Ideen und Engagement reagiert und es weitergetragen wird. Die Idee titelt eindrucksvoll und in Deutschland einmalig: 160 jugendliche Experten beraten den Jugendhilfeausschuss Villingen-Schwenningen!

Wirkungsvolle Kommunikation im Social Web sprengt Münsterzentrum: Der Startschuss für die Anmeldung zur Beteiligungswerkstatt wurde im Januar 2015 auf der Website www.jugendbeteiligung-vs.de und auf Facebook gegeben. Das Anmeldeformular musste frühzeitig offline genommen werden, da die immer höher werdenden Teilnehmerzahl die bereit gestellte Infrastruktur zu sprengen drohten. Am Ende fanden sich 160 Jugendliche im Münsterzentrum ein, um ihr Modell der Jugendbeteiligung zu finden. Die heranwachsenden Villinger-Schwenninger schlagen einen Jugendgemeinderat beziehungsweise eine gewählte, verbindliche Form der Jugendbeteiligung in Verzahnung mit einem Jugendforum vor. Am Modell werden wir von Anfang an mit einer Gruppe Jugendlicher weiterarbeiten. Nebenbei entdeckten die jungen Experten Stärken und Schwächen ihrer Stadt, entwickelten Ideen, planten Treffpunkte, diskutierten ihre Mobilität und die Anbindung der ländlichen Ortsteile, besprachen ihre Freizeitgestaltung und sprachen sich für Bildung und Schulsanierungen aus.

Website und Facebook erreichen und aktivieren Jugendliche: Die Onlinepartizipation in Villingen-Schwenningen stützt sich auf eine Facebookseite und eine Website mit angebundenem Forum. Über die Facebookseite können schnell, kostengünstig und umfassend Jugendliche in Villingen-Schwenningen über Themen, Ideen und Diskussionen informiert und aktiviert werden. Die Website bietet mit ihren jugendrelevanten Nachrichten und dem Diskussionsforum einen Sammelplatz für junge Villinger, Schwenninger und aus den eher ländlich gelegenen Ortsteilen.
Seit dem Jugendforum verfügt die Facebookseite über 327 aktive Follower und konnte durch ihre hohen Interaktionsraten knapp 15.000 Leute in VS erreichen. Innerhalb von 7 Tagen nach dem Jugendforum interagierten 2601 Menschen mit „Jugendbeteiligung in Villingen-Schwenningen“, drücken also ihre Zustimmung zu Beiträgen und Diskussionsbeiträgen aus und diskutieren selbst mit. Das ist eines der besten bekannten Ergebnisse für Online-Jugendbeteiligung in einer Kommune in Baden-Württemberg.

Keine Einheitslösung für Kommunen: Die Statistik zeigt, dass Facebook in Villingen-Schwenningen ein Kanal ist, mit dem man viele Jugendliche erreichen, ansprechen und aktivieren kann. Es gibt kein Rezept, um Onlinepartizipation zu garantieren, aber mit Erfahrung und Know-How kann man für jede Gemeinde eine passende Lösung finden.
Ich habe Villingen-Schwenningen empfohlen die Verantwortung über die Facebook- und Internetseite in Zukunft einem städtischem Mitarbeiter mit messbaren Erfahrungen und Erfolgen in Sachen Social Web zu übergeben und ein Team von Jugendlichen für die Mitarbeit an der Facebookseite, der Website und dem Forum zu begeistern.

Die Website www.jugendbeteiligung-vs.de sollte zur zentralen Plattform für Jugendliche in VS ausgebaut werden. Für diese Aufgabe und die Promotion der Arbeit der Jugendbeteiligung offline, online und insbesondere in den sozialen Medien sollte ein dreistelliges, monatliches Budget bereitgestellt werden.