Der 8er-Rat als Konzept einer gelungenen Jugendbeteiligung – grundlegende Erfahrungen aus der Praxis

von Hannah Bechtle und Denis Schuster

Kinder und Jugendliche wollen sich einbringen und beteiligen. Die „Fridays-for-Future“- Bewegung oder die Proteste gegen die Urheberrechtsreform haben uns dies eindrücklich demonstriert. In der tatsächlichen Praxis zeigt sich jedoch vielerorts ein anderes Bild: Die Meinungen und Wünsche von Jugendlichen werden selten in konkrete politische Entscheidungsprozesse einbezogen. Dies kann unterschiedliche Ursachen haben: Gänzlich fehlende Angebote auf kommunaler Ebene bzw. ein für die Jugendlichen inadäquates Beteiligungsformat oder auch mangelndes Wissen der Jugendlichen (und ihrer Eltern) über vorhandene Angebote und geplante Veranstaltungen aufgrund schlechter Informationsverbreitung. Auf der persönlichen Ebene können auch ein mangelndes Selbstvertrauen sowie fehlende Motivation ein Grund sein, wieso Jugendliche sich nicht einbringen können oder wollen. Diejenigen, die sich zutrauen und Lust haben sich einzubringen, gehören überwiegend zum bildungsnahen Milieu und sind sozial bessergestellt (vgl. BW Stiftung 2015: 29). Das Herkunftsmilieu hat folglich einen starken Einfluss darauf, ob Jugendliche Beteiligungschancen wahrnehmen (können) oder nicht. Dies kann in der Praxis in klassischen Jugendbeteiligungsformaten wie dem Jugendgemeinderat häufig beobachtet werden, in dem sich überproportional viele Jugendliche aus den höheren Schulformen engagieren. Hierdurch entsteht eine Verzerrung zwischen den geäußerten und den tatsächlichen Anliegen der Jugendlichen.  Aufgrund der schnelllebigen und sich ständig verändernden Lebenswelten der Jugendlichen ist eine Verstetigung und Kontinuität von Formaten wie dem Jugendgemeinderat eine große Herausforderung. Vielfacher Personalwechsel sowie Verantwortung und Motivation, die von einzelnen Personen abhängen, führen oftmals zu ständig wechselnden Gremien oder gar zur Auflösung von Jugendgemeinderäten. Insgesamt ist „der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die von Beteiligungsformaten tatsächlich erreicht werden, gering“ (BMFSFJ 2015: 31).

Der 8er-Rat als schulübergreifendes Beteiligungsformat

Durch die Einführung des §41a GemO BW beschäftigen sich immer mehr Kommunen damit, wie sie Kinder und Jugendliche adäquat und nicht konkret-projektbezogen an Entscheidungen innerhalb der Gemeinde beteiligen können. Ein neuartiges Modell zur partizipativen Einbeziehung von Jugendlichen aller Bildungsschichten ist der innerhalb des Unterrichts verankerte 8er-Rat. Der 8er-Rat ist ein kommunalpolitisches Jugendbeteiligungsmodell, bei dem, je nach Größe der Kommune bzw. Anzahl der vorhandenen Schulen, die Schülerinnen und Schüler einiger oder aller achten Klassen schulartübergreifend zusammen an selbsterwählen Themen, die ihre Kommune betreffen, arbeiten können.

Durch seinen schulübergreifenden Ansatz ermöglicht der 8er-Rat den Einbezug aller Jugendlichen einer Kommune, unabhängig ihrer Schulform oder ihres Bildungshintergrundes. Gerade Jugendliche, die aufgrund ihres sozialen Hintergrundes bis dato wenige Berührungspunkte mit gemeindepolitischen Themen hatten, werden durch den 8er-Rat befähigt, ihre Beteiligungschancen wahrzunehmen. Der 8er-Rat ermöglicht zudem auf eine besondere Weise die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung. Für Jugendliche mit Handycap ist der 8er-Rat oftmals die erste und einzige Möglichkeit, ihre Gedanken und Wünsche im politischen Geschehen einzubringen. Der 8er-Rat schafft zudem einen Raum, in dem sich Jugendliche unterschiedlicher Schulformen, verschiedener Ortsteile, mit und ohne Handycap oder Fluchthintergrund begegnen. Die Begegnung ermöglicht den Jugendlichen, sich untereinander zu vernetzen und eine Sensibilität für unterschiedliche Lebenswelten zu entwickeln. Sich in der Gruppe zu engagieren und von den Erwachsenen der Politik gehört zu werden, verschafft den Jugendlichen Selbstvertrauen und Motivation, sich über den 8er-Rat hinaus politisch zu engagieren.

Der 8er-Rat in der Praxis – Perspektive der teilnehmenden Jugendlichen

Denis Schuster, ehemaliger Masterstudent an der Universität Stuttgart, hat in seiner Masterarbeit die Perspektive gewechselt und untersucht, wie der 8er-Rat von den teilnehmenden Jugendlichen angenommen und bewertet wird. Für seine Arbeit hat er 720 Schülerinnen und Schüler befragt. Davon haben 330 in sieben verschiedenen Kommunen am 8er-Rat teilgenommen; die anderen 390 nicht, weshalb diese die Kontrollgruppe für weiterführende Analysen bildeten.

Für die am 8er-Rat teilnehmenden Schülerinnen und Schüler zeigen die Ergebnisse, dass die Jugendlichen den 8er-Rat überwiegend positiv angenommen und bewertet haben: 60 % der Befragten gaben an, „eine gute oder sehr gute Empfindung gegenüber dem Modell“ zu haben, knapp 50 % gaben an, nochmal bei einem 8er-Rat mitzumachen, würde man die Zeit zurückdrehen. 55 % der Jugendlichen sagten, dass sie Spaß oder sogar viel Spaß während der Durchführung des 8er-Rates hatten. In der Gesamtbewertung beurteilten 58 % der Befragten das Modell und seine Umsetzung positiv, nur 12 % bewerteten den 8er-Rat als eher schlecht oder sehr schlecht. Eine absolute Mehrheit der Jugendlichen gab an, durch die Arbeit im 8er-Rat wertvolle Erfahrungen gesammelt zu haben (76,9 %) und sich bedeutende Fähigkeiten angeeignet oder ausgebaut zu haben (64,6 %).

Neben der Bewertung des Konzeptes aus Sicht der Jugendlichen hat Denis Schuster auch untersucht, inwieweit die Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Schulformen erreicht und aktiviert werden konnten. Wichtigstes Forschungsergebnis war diesbezüglich die Bestätigung, „dass es dem 8er-Rat gelingt, alle Jugendlichen gleichermaßen einzubeziehen“. Die Aussage, dass man durch den 8er-Rat inspiriert wurde, sich auch weiterhin in der Politik zu engagieren, wurde zwar überproportional von Jugendlichen mit hohem Bildungsniveau befürwortet, jedoch besteht auch bei den anderen Bildungsniveaus eine deutliche Tendenz hin zu einer positiven Antwort. Die Überlegung, ob Jugendliche sich auch nach dem 8er-Rat politisch engagieren, ist laut Denis Schuster zudem maßgeblich davon beeinflusst, wie gut das Modell den Schülerinnen und Schülern gefallen hat: „Je besser der 8er-Rat bei ihnen abgeschnitten hat, desto größer ist die Bereitschaft für ein Engagement.“

Fazit

Wichtigstes Fazit der Forschungsarbeit ist es, dass der 8er-Rat den Aspekt der aktiven Beteiligung von bildungsschwächeren Jugendlichen ermöglicht, indem es ihm gelingt, auch diese zu integrieren und zu aktivieren. So können Beteiligungschancen gerechter verteilt und Schülerinnen und Schüler ermächtigt werden, ihre Chancen (besser) zu nutzen. Auch wird als wichtiges Ergebnis betont, dass die Teilnehmenden durch die schulübergreifende Begegnung wertvolle Erfahrungen gesammelt und eine wichtige charakterliche Weiterentwicklung vollzogen haben. Dieser relevante Aspekt des 8er-Rates wird auch von Eric Flügge und Udo Wenzl betont, die das Konzept des 8er-Rats entwickelt haben. Sie argumentieren: „der 8er-Rat [ist] mehr als nur eine Jugendbeteiligung – das Modell ist auch eine Jugendbegegnung zwischen sonst so stark getrennten Lebenswelten“ (Flügge / Wenzl 2018: 14). So verstehen die Autoren den 8er-Rat gleichermaßen als eine Methode der Jugendbeteiligung und der politischen Bildung. Auch Denis Schuster kommt in seiner Forschungsarbeit zu dem Ergebnis, dass der 8er-Rat es vermag, demokratische Werte und Kompetenzen zu lehren und erfahrbar zu machen. Jugendliche werden gefördert, sich als Demokratinnen und Demokraten wahrzunehmen und die Selbstwirksamkeit demokratischen Handelns zu erfahren. Hierbei ist es ein entscheidender Faktor, dass die Jugendlichen von den politisch Verantwortlichen ernst genommen und ihnen eine echte Mitbestimmung eingestanden wird. Um eine nachhaltige Beteiligung der Jugendlichen über den 8er-Rat hinaus zu ermöglichen, müssen zudem ergänzende Beteiligungsformate wie bspw. Jugendgemeinderäte etabliert werden.

Für eine ausführliche Beschreibung der 8er-Rat Methode sowie Hinweise für die Umsetzung in der Praxis empfehlen wir Ihnen das Buch:

„Der 8er-Rat. Ein barrierefreies Beteiligungsmodell für Jugendliche“ von Eric Flügge und Udo Wenzl; Springer-Verlag Taschenbuch, 2018.

Der Titel der Forschungsarbeit von Denis Schuster, die zur Erlangung des Hochschulgrades Master of Science (M.Sc.) im Fach „Planung und Partizipation“ an der Universität Stuttgart eingereicht wurde, lautet:

Der 8er-Rat – ein kommunalpolitisches Modell zur Stärkung der Jugendbeteiligung?

Eine Analyse hinsichtlich der (nachhaltigen) Mobilisierung zur aktiven Beteiligung von Jugendlichen in Anbetracht differenzierender Bildungsniveaus

und ist bei der Landeszentrale für politische Bildung BW zu finden unter:

Quellenangaben:

BMFSFJ 2015: Qualitätsstandards für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Allgemeine Qualitätsstandards und Empfehlungen für die Praxisfelder Kindertageseinrichtungen, Schule, Kommune, Kinder- und Jugendarbeit und Erzieherische Hilfen. 3. Auflage. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

BW Stiftung 2015: Jugendbeteiligung in der Kommune. In Zukunft mit uns!. Stuttgart: Baden-Württemberg Stiftung gGmbH.

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