Die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum – ein LEADER – Projekt

In Biederbach, Elzach, Gutach im Breisgau, Simonswald und Winden im Elztal wurde die Jugendbeteiligung interkommunal auf den Weg gebracht. Von Januar bis Dezember 2014 setzten sich die Jugendlichen  mit Bürgermeistern und Gemeinderäten an einen Tisch, um mit ihnen über ihr Lebensgefühl, ihre Bedürfnisse und ihre Zukunftsperspektiven zu diskutieren. Für alle Seiten eine enorme Bereicherung, so Roland Tibi, der Elzacher Rathauschef, der die Federführung des interkommunalen Projektes hatte. „Ich bin heute von dem Engagement und den Ideen begeistert, die das Beteiligungsprojekt „Die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum” hervorgebracht hat“, so Roland Tibi. Das Projekt wurde von Udo Wenzl begleitet und aus dem LEADER-Programm der EU finanziell gefördert.

image002Udo Wenzl im Gespräch mit Bürgermeister Roland Tibi. 

„Was war für Sie die Motivation das Projekt „Die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum“ auf den Weg zu bringen?“

„Wir haben einen Weg gesucht, wie man als Kommune, als Bürgermeister, als Verwaltung aber auch als Gemeinderat an die jungen Menschen herankommen kann. Die jungen Menschen im oberen Elztal äußern sich nicht zu politischen Themen. Wir haben eine unpolitische Jugend, während die Erwachsenen z.B. in Elternvereinen und Senioren-Verbänden ihre Interessen artikulieren, machen das die Jungen nicht. Und daher sahen wir eine ausgezeichnete Möglichkeit mit den jungen Menschen ins kommunalpolitische Gespräch zu kommen.

„Warum wurde das Projekt von Anfang an interkommunal durchgeführt?“

„Unsere jungen Menschen sind im oberen Elztal auch interkommunal aufgestellt. Dass sich die Jugendlichen ausschließlich in ihren Ortschaften aufhalten, gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr. Beispielsweise gibt es über die Schulen Verbindungen über die Gemeindegrenzen hinweg, die wir natürlich aufgreifen. Im Übrigen waren wir im oberen Elztal und im Simonswäldertal Tal der Auffassung, dass dieses ein Thema ist, dass man unbedingt interkommunal angehen sollte.“

„Was war für Sie das Interessanteste im Projekt?“ 

„Für mich waren zwei Dinge sehr interessant: Zum einen konnten wir bei den Schulveranstaltungen eine große Zahl von jungen Menschen ansprechen und tatsächlich auch erreichen. Da wurden Hindernisse abgebaut, die zwischen den Jugendlichen und der Position und Funktion des Bürgermeisters standen. Wir haben tolle Gespräche geführt und echt gute, sinnvolle und interessante Anregungen erhalten, an die wir als Bürgermeister, Gemeinderäte oder Verwaltungsmitarbeiter bisher gar nicht gedacht hatten.

Das zweite war, dass auf Grund der zeitgleich stattfindenden Kommunalwahl auch sämtliche Parteien und Gruppierungen unsere Aktion „Die Zukunft der jungen Menschen im ländlichen Raum“ in ihre Arbeit mit aufgenommen und ebenfalls das Gespräch gesucht haben. Und auch dort gab es ganz interessante Begegnungen und viele Ideen, die bis heute in die Arbeit der Parteien und Gemeinderatsfraktionen eingeflossen sind.“ 

Ein Film über das LEADER –Projekt: Im Rahmen des Projekts „die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum“ wurde eine Filmdokumentation erstellt. Der Film stellt Methoden und Vorgehensweisen vor und soll Gemeinden Appetit machen, die das Thema angehen wollen, aber noch keine klare Vorstellung über das „wie“ haben. Der Film ist über die Internetpräsenz der LEADER Aktionsgruppe Südschwarzwald zugänglich (www.leader-suedschwarzwald.de).

Wie geht es konkret im Zweitälerland weiter?

Ein Ergebnis war der „Rat der Jugend“, der jetzt ganz konkret mit neun Mitstreitern an einem Mobilitätsprojekt arbeitet. Gemeindeübergreifend wird ein Lösungskonzept für die eingeschränkte Mobilität erarbeitet, dass die Mobilitätsbedürfnisse von Jung und Alt optimal abdecken soll. Entwickelt werden hierzu ein regionales Online-Portal auf der Basis von flinc (www.flinc.org) im Zusammenwirken mit Südbadenbus. Für dieses Projekt haben die Gemeinden und der Rat der Jugend vom Verkehrsministerium Fördermittel in Höhe von rund 16.000 Euro erhalten.

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Mit Kindern und Jugendlichen die Gemeindeentwicklung starten

von Udo Wenzl

Haben Sie schon einmal überlegt, Ihre Gemeindeentwicklung mit den Kindern und Jugendlichen der Gemeinde zu starten? Wenn nicht, dann wäre dies aus mehreren Gründen eine Überlegung wert. Denn: Die Weiterentwicklung Ihrer Gemeinde dient insbesondere denen, die möglicherweise noch sehr lange in der Gemeinde leben sollen und wollen und oft auch leben werden.

Gerade die im ländlichen Raum liegenden, meist kleineren Kommunen stehen vor der Herausforderung, Zukunftsperspektiven so zu entwickeln, dass sie auch weiterhin attraktiv für ihre, für alle Bürgerinnen und Bürger sind. Die Gemeindeentwicklung ist somit eine aktuelle und immer wieder kehrende Aufgabe einer Kommune.

Eine kinder- und jugendfreundliche Gemeindeentwicklung ist von zentraler und zukunftsweisender Bedeutung. Eine Gemeinde im ländlichen Raum ist nur dann wirklich lebenswert und auch funktionsfähig, wenn die unterschiedlichen Generationen in dem Dorf zusammen leben können. Vor allem unter dem Aspekt der demographischen Entwicklung ist daher von geradezu existenzieller Bedeutung, auch den jungen Menschen eine Perspektive zu bieten.

Kinder und Jugendliche haben eine Stimme und eine Vorstellung von Zukunft!

Um insbesondere für die junge Generation attraktiv zu bleiben, braucht es eine neue und eigenständige Jugendpolitik im ländlichen Raum, die von Anfang an Kinder und Jugendliche aktiv mit einbezieht, bzw. den Raum gibt, dass Kinder und Jugendliche sich aktiv einbringen wollen und auch tun. Würde dies geschehen, dann könnte es dazu führen, dass sich die junge Generation von Anfang an als wichtiger Teil der Kommune fühlt.

Unsere Mitwirkungs- und Beteiligungsformate im kommunalpolitischen Raum erreichen meist diejenigen, die schon wahlberechtigt sind. Und die Beteiligungsformate wie z.B. Zukunftswerkstätten sprechen bestimmte, meist erwachsene Zielgruppe an.

Eigenverantwortung, Mitbestimmung und Mitsprache bieten jungen Menschen die Möglichkeit, ihre besonderen Interessen und Wünsche zu artikulieren und aktiv an der Gestaltung der eigenen Lebenswelt mitzuwirken. Nur so kann es gelingen, die Interessen der Kinder und Jugendlichen in ein ganzheitliches Konzept einzubinden, damit die Dörfer sich zu kinderfreundlichen Lebensräumen weiterentwickeln können. Und hier geht es nicht nur um Betreuungsangebote für die Kleinsten.

Förderprogramme unterstützen diese Entwicklung

Eine Vielzahl an Unternehmungen wie z.B. Landeswettbewerbe „Unser Dorf hat Zukunft“ (2013 – 2016), das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) oder auch die neuen regionalen LEADER – Entwicklungspläne greifen dieses Anliegen aktiv mit auf. Förderungen aus solchen Programmen u.a. auch der Landesentwicklungsprogramme sind mittlerweile geknüpft an Bürgerbeteiligungsverfahren.

Gerade mit den Fördermitteln von Leader können ab 2015 (und sicher nicht nur in Baden-Württemberg) Gemeindeentwicklungsprozesse gefördert werden. Wie eine solche Beteiligung im ländlichen Raum aussehen könnte, haben wir bereits 2013/2014 in sieben Schwarzwaldgemeinden praktiziert (http://www.partizipations-blog.de/beispiel-seite/jugendbeteiligung/leader-sudschwarzwald/). Einen zentralen Schwerpunkt dabei bilden die Kinder-, Jugend und Bürgerbeteiligung, so dass sich die Bevölkerung in die Gestaltung ihres Lebensumfelds selbst mit einbringen kann.

Ein Blick nach Rheinland-Pfalz

Mit Blick auf die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bei der Dorf- und Gemeindeentwicklung ist Rheinland-Pfalz schon einen Schritt weiter: Die Landesregierung hat eine Broschüre aufgelegt, die die Interessen und Bedürfnisse der jungen Generation im ländlichen Raum benennt und beispielhafte Maßnahmen und Methoden vorstellt, wie Kinder und Jugendliche in einem Entwicklungsprozess angemessen beteiligt werden können. Hier existieren Leitlinien zur kinder- und jugendfreundlichen Dorfentwicklung, die ganz deutlich machen: Ohne eine Beteiligung der Zielgruppe selbst geht es nicht!

Die Leitlinien zur kinder- und jugendfreundlichen Dorfentwicklung sind zu finden unter:  http://mifkjf.rlp.de/fileadmin/mifkjf/service/publikationen/Kinder_und_Jugend/Leitlinien_Dorfentwicklung_2010.pdf

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E-Partizipation: Die Illusion von der einen Plattform

Eine bundesweit oder sogar europaweit von Millionen Menschen genutzte Beteiligungsplattform ist die Allmachtsphantasie von Ministerien, Politikern und Verbänden in der Bürger- und Jugendpartizipation. Egal wie viel Geld in diesem Segment noch verbrannt wird, der Versuch muss scheitern. 

von Erik Flügge

Was hat man nicht schon alles versucht. Hohe Summen öffentlicher Gelder wurden für die Entwicklung, Programmierung und den Betrieb von Beteiligungsplattformen versenkt. Alle diese Projekte scheiterten bitterlich. Der Grund dafür ist recht einfach, wird aber beständig ignoriert: Die Methode kommt zum Schluss.

E-Partizipation beginnt entgegen aller pädagogischen Literatur immer mit der Methode. Irgendwer hat die Phantasie, er könne auf seiner Plattform alle Initiativen, Gedanken und Zielgruppen bündeln und dauerhaft binden. Mal ganz ehrlich, das kann nicht funktionieren und eine gute Einführungsveranstaltung an einer Hochschule zum Thema Bürgerbeteiligung reicht aus, um das zu verstehen.

Es ist der falsche Ansatz zu glauben, dass allein die Möglichkeit seine Meinung Kund zu tun, Menschen zu mobilisieren vermag. Viel zu selten glauben Bürgerinnen und Bürger und insbesondere Jugendliche daran, dass das, was sie zu sagen haben, auch wirklich gehört wird. Darum müssen alle Beteiligungsprozesse mit Vertrauensarbeit beginnen. Dafür trifft man sich in Veranstaltungen, spricht miteinander, baut Beziehungen zueinander auf, um dann über die eigentliche Sache ins Gespräch zu kommen. So funktionieren alle erfolgreichen Beteiligungsprozesse und all diese Grundsätze werden im Netz ignoriert.

Wie kommt also diese Fehlkonzeption in die Köpfe der Entscheidungsträger? – Ich bin der Überzeugung, sie entsteht aus Unwissenheit über das Internet. In den Köpfen vieler Menschen hat sich festgesetzt, dass unglaublich viele Menschen das Internet nutzen und sich dort bewegen. Ja, das stimmt, aber der Fehler ist, dass das Internet als zentraler Ort missverstanden wird. Im Netz halten sich Menschen an ganz unterschiedlichen Orten auf und kommunizieren in ganz unterschiedlichen Gruppen. Genau wie in jeder Stadt gibt es Gruppen im Netz, die sich gegenseitig niemals begegnen. Das Internet als Ganzes zu einem zentralen Beteiligungsort zu verklären, ist, als wenn man die Forderung aufstellen würde: “Beteiligung muss in der Stadt stattfinden, weil Menschen in der Stadt leben”. Der Satz ist grundsätzlich richtig, nur leider erwächst aus ihm keine konkrete Handlung, denn unklar bleibt, mit wem in der Stadt an welchem Ort in der Stadt und mit welcher Methode zu welchem Zweck Menschen beteiligt werden sollen.

Mich ärgert, wie viele Dienstleister aktuell diesen Fehlschluss über das Internet in den Köpfen von Entscheidungsträgern ausnutzen. Hinz und Kunz bietet jeweils eine Beteiligungsplattform an. Immer wird versprochen, sie wäre die eierlegende Wollmilchsau. Diese Beteiligungsplattform wird alles können – von der Beteiligung an Bebauungsplänen über das Melden von Mängeln, das Besprechen tagesaktueller Politik bis hin zu konkreten Entscheidungsprozessen. Mit der tollsten, neusten, besten Plattform wird das alles möglich, denn schließlich sind doch alle Menschen neuerdings im Netz.

Ich bin mir unsicher, ob die Anbieter bewusst täuschen, oder ob sie sich selbst der Illusion hingeben, Beteiligung könnte so funktionieren. In jedem Falle ist mittlerweile eindeutig empirisch durch alle möglichen Feldversuche mit Plattformen erwiesen, was theoretisch schon immer klar war, der Ansatz von Beteiligungsplattformen für alle und alles ist kompletter Quatsch.

Es gibt gelingende E-Partizipation

Es gibt erfolgreiche Beteiligungsprozesse unter Nutzung des Internets. Ja, solche Beteiligungsprozesse können gelingen und die Nutzung von Technologie kann auch echten Mehrwert für Beteiligungsprozesse bringen. Die erfolgreichen E-Partizipationsprozesse haben aber alle etwas gemein. Sie definieren erst den Beteiligungsgegenstand, dann die Zielgruppe und schließlich entscheiden sie sich für die richtige Abmischung an Methoden. Eine dieser Methoden kann gerne ein Werkzeug oder Netzwerk aus dem Internet sein. Sie ist aber niemals gesetztes Muss.

Erfolgreiche Partizipation muss egal ob offline oder online oder in einer online-offline-Kombination immer anerkennen, dass es Menschen mit unterschiedlichen Beteiligungserfahrungen und methodischen Bedürfnissen gibt. Erfolgreiche Partizipation kennt die zu erreichende Zielgruppen und optimiert ihre Verfahren in solcher Weise, dass diese Zielgruppe die bestmögliche Chance bekommt, sich einzubringen.

Würden wir all die Mittel, die heute für die Entwicklung von Beteiligungsplattformen verbrannt werden, in gut gemachte Beteiligungsprozesse investieren, unser Land hätte wirklich gewonnen und es gäbe weniger Ruinen im Netz.

Gelingende Jugendbeteiligung – ein Standortfaktor für Städte, Märkte und Gemeinden

Winfried PletzerWie erfolgreiche Jugendpolitik unsere Kommunen zukunftsfähig macht
Winfried Pletzer, Bayerischer Jugendring
Partizipation im Gemeinwesen erhöht Identifikation mit dem Gemeinwesen. Und Identifikation mit der Gemeinde erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen in ihrer Heimat verwurzelt bleiben. Für die Zukunft – insbesondere des ländlichen Raumes – in Zeiten eines beschleunigten Struktur- und Demografischen Wandels ist dieser Zusammenhang von besonderer Bedeutung: Denn viele Gemeinden des ländlichen Raumes verlieren durch eine überproportionale Abwanderung der kreativen jungen Generation, durch den Wegzug der jüngeren und qualifizierten „Macher“ die vitalen Potentiale für ihre Weiterentwicklung. Ein wichtiges Ziel für Gemeinden mit Zukunft muss deshalb sein: Für Jugendliche, insbesondere im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, sollte ihre Heimatgemeinde so attraktiv und lebenswert sein, „dass sie bleiben – statt zu gehen.“ Zumindest sollten sie, wieder zurückkommen wollen (und können), in ihre Heimatgemeinde; nach auswärtiger Berufsausbildung, nach Studium, Praktika und Auslandsaufenthalten.

Was veranlasst junge Menschen nun zum Bleiben, was ist der Grund dafür, dass junge Menschen ihrer Heimatgemeinde eben nicht den Rücken kehren? Was hält sie im Dorf?
Zusätzlich zu den, evidenten strukturellen sowie wirtschaftlichen Faktoren und Rahmenbedingungen, zeigen Untersuchungen, dass insbesondere die Qualität der sozialen Bezüge in den Gemeinden dafür entscheidend ist, ob es für junge Menschen attraktiv erscheint, ihrer Heimatgemeinde weiterhin als Lebensmittelpunkt zu wählen. U.a. zeigen aktuelle Untersuchungen, dass sich eine aktive Bürgerschaft mit einem regen Vereinsleben positiv auf die demografische Entwicklung auswirkt. Eine Vermutung zum ländlichen Raum lässt sich damit empirisch verifizieren: „Engagierte Bürgerinnen und Bürger und genügend Partizipationsmöglichkeiten machen kleine Orte attraktiver“. Bürgerschaftliches Engagement korreliert mit demografischer Stabilität! Es zeigt sich in den untersuchten Gemeinden deutlich: wachsende Dörfer haben die größte Dichte an Vereinen, umgekehrt weisen sehr stark schrumpfende Orte die geringste Anzahl an Vereinen auf. Eine, gemessen an der Vereinsdichte, aktive Bürgerschaft trägt somit zur demografischen Stabilität in Gemeinden des ländlichen Raumes bei. Je mehr sich Bewohner sich in den Gemeinden engagieren (können), desto stabiler sind die Ortschaften.

Diese politische Beteiligung will aber gelernt sein, Zivilgesellschaft will entwickelt werden, soziales Engagement muss gefördert werden. Die Grundsteine für die soziale Kompetenz der gesellschaftlichen Mitverantwortung werden insbesondere im Kinder- und Jugendalter gelegt. Durch Gelegenheiten und Möglichkeiten zu Mitbestimmung und Mitgestaltung für Kinder und Jugendliche in den Gemeinden wächst die Bereitschaft zu sozialem Engagement im Kinder- und Jugendalter, ein Engagement das zu aktiver als Mitbürgerschaft führt.

Partizipationsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in den Gemeinden werden somit zum wichtigen Teil eines lebendigen Gemeinwesens. Damit sich junge Menschen mit ihrer Gemeinde identifizieren und an ihrer Entwicklung aktiv Anteil haben, benötigen sie Impulse, Aufforderung und Gelegenheiten, auch Hilfestellung und Begleitung. Kinder und Jugendliche brauchen Lern- und Erfahrungsfelder in ihren Gemeinden, um ihre Aufgabe als engagierte Bürgerinnen und Bürger kennenzulernen und einzuüben. Die kleinen, überschaubaren politischen und gesellschaftlichen Horizonte, mit ihren Möglichkeiten und Grenze bieten den idealen Bezugsrahmen. Erst durch Beteiligung, erst durch aktive Mitwirkung wird der Wohnort zur Heimatgemeinde und – ein Ort zum Bleiben.
Dieses Engagement, diese Identifikation mit der Gemeindeentwicklung durch aktive Beteiligung ist es, das junge Menschen vor Ort hält, dass sie immer wieder zum zurück kommen – letztlich zum Bleiben veranlasst. Insbesondere für kleinere Gemeinden auf dem Lande ist diese Identifikation ihrer Jugendlichen mit ihrer Gemeinde ein wichtiger Bestandteil zur Zukunftssicherung eines lebendigen und funktionsfähigen Gemeinwesens.

Jugendbeteiligung: Der Frust über den McDonalds-Wunsch.

Viele Städte und Gemeinden sind bemüht, ihre Jugendlichen zu beteiligen. Wenn dies gut gemacht wird, dann sagen Jugendliche ehrlich, was sie sich wünschen. Bei den Kommunalverantwortlichen löst das oft Kopfschütteln aus, denn die Wünsche heißen “McDonalds”, “Primark”, “H&M” und “Burgerking”. 

Erik Flügge

von Erik Flügge

Der Wunsch nach Konsumtempeln ist typisch für Jugendliche. Sie wünschen sich vor Ort, was ihnen in ihren Kommunen fehlt und was sie dazu zwingt, weite Wege auf sich zu nehmen. Oftmals sind das bestimmte spezielle Freizeitangebote, aber noch öfter sind dies bestimmte Konsumgelegenheiten. Dieser Wunsch ist definitiv kein Anlass für Frustration, sondern ein wunderbarer Anlass für ein Gespräch über Kommunalpolitik.

“Warum gibt es keinen McDonalds” in unserer Stadt, fragen sich viele Jugendliche. Weil sie noch kaum Erfahrung mit Kommunalpolitik haben, liegt die Frage nahe, warum die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister keine Filiale eröffnet. Die Vorstellung, dass das Stadtoberhaupt zuständig sein könnte, ist wesentlich einfacher, als die komplizierte Realität von Franchise-Unternehmungen und dem Zusammenspiel von privaten und öffentlichen Akteuren.

Können wir es den Jugendlichen verdenken? – Nein, ganz und gar nicht. Verlangen Erwachsene nicht auch von der Bundesregierung, sie möge Jobs schaffen. Werden nicht auch Stadtoberhäupter abgewählt, weil eine privatwirtschaftliche Firma den Standort wechselt. Verlangen die Bürgerinnen und Bürger nicht allerlei Lösungen von ihrer Stadtpolitik für Probleme, die sie schlicht in der Nachbarschaft im Gespräch klären könnten und bei denen die Politik nunmal nichts machen kann.

Was sagt uns der Wunsch nach einem H&M? 

In der Aufforderung Konsumgelegenheiten im Heimatort anzusiedeln encodiert sich eine Botschaft an die Politik, die es aufzugreifen gilt: Die städtischen Angebote für Jugendliche sind vielfach nicht treffsicher.

Wenn sich Jugendliche wünschen, dass ein McDonalds Filiale eröffnet wird, dann wünschen sie sich nicht nur Burger, die nach Pappe schmecken und Cola, sondern sie wünschen sich einen Ort, an dem sie sich aufhalten wollen. Es sind Jugendliche, die sich von den vorhandenen Angeboten der verbandlichen und offenen Jugendarbeit nicht ausreichend angesprochen fühlen.

Greift man diese Rückmeldung ernsthaft auf, dann kann die Antwort nicht allein sein, dass es mehr Bildung hin zum kritischen Konsum braucht, wie sie oft von erwachsenen Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern gegeben wird. Die Antwort muss auch sein, dass heute bestehende Angebot der Jugendarbeit einer kritischen Prüfung anhand von Zielgruppen stand halten und Lebensweltgerechtigkeit geschaffen wird.

Die Lebensweltgerechtigkeit

Der Leiter der SINUS-Akademie, Peter Martin Thomas und ich fordern in einem Artikel über Schule (“Lernen kann man überall”), dass diese sich für unterschiedliche lebensweltliche Perspektiven öffnet und ihre Bildungsziele und Bildungsanlässe nicht nur aus einem bürgerlichen Mainstream der Vergangenheit schöpft. Gleiches gilt auch für die Jugendarbeit von heute.

Halten unsere heutigen Strukturen der Jugendarbeit einer kritischen Prüfung anhand der Lebenswelt heute lebender Jugendlichen stand? Sind sie gerecht?

In den meisten Städten und Gemeinden verwenden die Kommune, Verbände, Vereine und Kirchen deutlich mehr Ressourcen für Jugendliche auf, die mit der bürgerlichen Gesellschaftsmitte kompatibel sind. Summiert man auf, was ein Jugendlicher ohne besonderen Betreuungsbedarf an Ressourcen bereit gestellt bekommt und stellt dies ins Verhältnis zu den – zu Recht – als “benachteiligte” bezeichnete Jugendliche ergibt sich ein deutliches Gerechtigkeitsgefälle.

Es gibt in den meisten Städten und Gemeinden mehr Geld für’s Gymnasium als für die Hauptschulen, die Förderung von Vereinsstrukturen hat oft Priorität, obwohl diese für benachteiligte Jugendliche oft nicht anschlussfähig sind. Nimmt man noch alle freien Träger, Kirchen und Verbände mit in die Kalkulation auf, so ergibt sich ein Missverhältnis an Ressourcenaufwendung zwischen unterschiedlichen jugendlichen Lebenswelten.

Erkennen lässt sich dieses Missverhältnis in einem scheinbar unreflektierten Wunsch nach einem Burgerking. Aber eine Frage sei zulässig: Ist die frustrierte Antwort der Erwachsenen nicht mindestens genauso unreflektiert?

Bürgerbeteiligung als Generationendialog

In der Stadt Schramberg im Schwarzwald gelingt mit Unterstützung von Erik Flügge und Udo Wenzl, was sonst nur theoretisch erdacht und mit Nachdruck eingefordert wird: Ein erfolgreich durchgeführtes Generationenforum.

Generationendialog Flügge Wenzl

Generationenpolitik als Herausforderung der Zukunft

Bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel ist ein Miteinander der Generationen heute nicht mehr selbstverständlich. Oft verhindern Vorurteile und Berührungsängste einen intensiven Austausch zwischen den Generationen. Wer nicht mehr zusammen wohnt, kommt kaum noch in Kontakt.

Viele gute Projekte zeigen jedoch, dass durch die Begegnung von Jung und Alt und durch gegenseitiges unterstützendes Engagement das Verständnis füreinander wächst und der Zusammenhalt in der Gesellschaft gefördert wird.

Durch den demografischen Wandel entstehen neue Situationen und Rahmenbedingungen, die wir mit der bisherigen Politik und ihrem Handwerkszeug nicht oder nur begrenzt bewältigen können. Viel zu oft sind heutige Politiken nur kurzfristig ausgelegt und verfehlen das Ziel langfristiger Wohlstandssicherung. Um den zukünftigen Generationen Handlungsspielräume zu eröffnen, braucht es grundlegende und mutige Entscheidungen. Es geht um das Leben der heutigen Generationen, und es geht zugleich um Gegenwart und Zukunft der kommenden Generationen.

Zu einem Konflikt zwischen den Generationen darf es nicht kommen! Es stellt sich vielmehr die Frage, ob ein verstärkter Dialog zwischen den Generationen zu einem neuen Verhältnis aller Bürgerinnen und Bürger in einer Kommune beitragen kann.

„Eine Gemeinschaft, die es dem Einzelnen ermöglicht, sich als wichtiges und wertvolles Mitglied dieser Gemeinschaft zu erleben, ist eine Kommune.“ (Gerald Hüther, Kommunale Intelligenz, Seite 15, 2013)

Wie kann der Generationendialog im kommunalen Raum gelingen?

Der Generationendialog fördert und unterstützt den Austausch und das gegenseitige Verständnis von Jung und Alt. Gerade die junge Generation erhält so die Möglichkeit, sich am gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen, denn Jugendliche nehmen in diesem Diskurs eine aktive Rolle im Dialog mit den Erwachsenen ein.

„Wir sind alle erst zu dem geworden, was wir heute sind, weil es andere Menschen gab, die uns dabei geholfen haben, die uns gezeigt haben, worauf es ankommt.“ (Gerald Hüther, Kommunale Intelligenz, Seite 12, 2013)

Die reale Begegnung verschiedener Generationen im gesamtgesellschaftlichen Kontext könnte eine Generationenpolitik im kommunalen Raum ermöglichen, die nicht nur die Partikularinteressen einer Generation im Blick hat, sondern eine gemeinsame Strategie für alle Generationen entwickelt und diese dabei unterstützt, füreinander einzustehen.

Nicht über die Jugendlichen, ihre Themen und Anliegen sollte gesprochen werden, sondern mit ihnen, da Jugendliche einerseits die Experten in eigener Sache sind und andererseits durch den Dialog mit Älteren einen Weitblick für das kommunale Gesamtgefüge entwickeln können. Die Älteren wiederum erfahren im Dialog mit den Jungen, was deren jetzige Anliegen, aber auch ihre Zukunftsthemen sind.

„Die Kommune ist schließlich der Ort, an dem Heranwachsende lernen, worauf es im Leben ankommt, wie man gemeinsam mit allen anderen sein Leben gestaltet und wie man seinen Teil der Verantwortung für dieses Zusammenleben übernimmt. Insofern ist und bleibt die Kommune der entscheidende und komplexeste Erfahrungsraum, in dem das soziale Leben eingeübt werden kann.“  (Gerald Hüther, Kommunale Intelligenz, Seite 15, 2013)

Das Generationenforum in Schramberg

In Schramberg ist es gelungen, engagierte Senioren und Jugendliche zusammen zu bringen. In einem großen Generationenforum tauschten sich die Jüngsten und die Ältesten in der Stadt über ihre Interessen aus. Sie fanden Schnittmengen bei den Themen Mobilität, Innenstadtentwicklung und dem gemeinsamen Wunsch, mehr Einfluss auf die kommunale Politik nehmen zu können.

Das Forum wurde in der Stadt mit hohem Interesse aufgegriffen. Senioren stellen in der kommunalen Politik eine wichtige Wählergruppe dar und Jugendliche haben seit der Wahlaltersenkung in Baden-Württemberg an Bedeutung gewonnen. Dass sich die beiden Gruppen nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern im Vorfeld der Kommunalwahlen gemeinsam Position beziehen, macht sie stark. So gelingt in Schramberg praktisch, was sonst nur gewünscht und eingefordert wird: Ein Miteinander der Generationen.

Alternative zum Jugendgemeinderat? – Das Modell des 8erRat.

Das Modell des Jugendgemeinderates ist nur teilweise erfolgreich. In wenigen Kommunen ist die Parallelinstitution zum Stadt- oder Gemeinderat für Jugendliche dauerhaft eine lebendige Beteiligungsform. In zu vielen Kommunen sorgen die modellimmanenten Barrieren dafür, dass sich zu wenige und ausschließlich beteiligungsnahe Jugendliche engagieren.

Wo der Jugendgemeinderat gut funktioniert, soll er nicht in Frage gestellt, sondern unterstützt werden. Allerdings ist eines in jedem Fall klar: Das Modell der Jugendgemeinderäte ermöglicht es einigen wenigen – gewählten – Jugendlichen eine intensive Beteiligungserfahrung in ihrer Stadt zu machen. Sie gehen gestärkt und oftmals auch im Anschluss an ihr Ehrenamt als engagierte Bürgerinnen und Bürger aus dieser Beteiligungsform hervor. Das Interesse dieser Jugendlichen für Politik wurde geweckt.

Eine Gesellschaft, die allen jungen Menschen politische und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen will, muss sich zum Ziel setzen, konkrete politische Partizipationserfahrung nicht nur für wenige zu ermöglichen, sondern jedem Jugendlichen in der Kommune zugänglich zu machen.

Mit dem Modell des „8erRat“ haben die bundesweit anerkannten Jugendbeteiligungsexperten Erik Flügge und Udo Wenzl ein Modell entwickelt, das alle Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 8 in einem Kooperationsverfahren von schulischem Politikunterricht und außerschulischer Beteiligungsarbeit an Entscheidungen in der Kommune beteiligt.

Im 8erRat setzen sich die Jugendlichen für ein Jahr selbst ihre Agenda, werden in einem strukturierten Verfahren unterstützt und feiern gemeinsam nach einem Jahr ihren Erfolg. Damit trägt das Modell dem Trend zu projektorientierten Beteiligungsformen Rechnung und ermöglicht dennoch die intensive Einarbeitung in einen konkreten Beteiligungsgegenstand. Anknüpfend an den Bildungsplan und sein Thema „Politik in der Kommune“ eröffnet das Modell dem Politikunterricht dieses Thema erfahrungsorientiert zu unterrichten.

Wird das Projekt als kontinuierliche Beteiligungsform etabliert, so können über die Jahre hinweg alle Jugendlichen einer Stadt ihr Jahr der Beteiligung erlebt haben. Ehemalige Teilnehmende können die aktuellen Jahrgänge der Stufe 8 unterstützen. Verbände und Vereine können durch eine Anbindung an das Modell direkt ihre Angebote eines anschließenden Engagements in ihren eigenen Strukturen machen.

Mit diesem Modell trägt eine Kommune umfassend dem Anspruch Rechnung „hier und heute Kindern und Jugendlichen positive Beteiligungserfahrungen zu ermöglichen, damit sie auch später zu mündigen und engagierten Bürgerinnen und Bürgern werden“ (Bertelsmannstiftung).

Auf der Suche nach jungen Kandidatinnen und Kandidaten

Auf der Suche nach jungen Kandidatinnen und Kandidaten

Von Udo Wenzl

Wer Volljährig ist und sich in irgendeiner Art und Weise schon in seiner Kommune engagiert hat, steht bei den erwachsenen Kommunalpolitikern hoch im Kurs: Die Listen für die Kommunalwahl werden derzeit erstellt. Und die jungen Bürgerinnen und Bürger einer Kommune? Haben diese überhaupt eine Chance bei dem baden-württembergischen Kommunalwahlsystem gewählt zu werden? Es ist nicht nur eine Frage des Listenplatzes alleine. Aber gerade auch aufgrund der Tatsache, dass wir ein „Kommunalwahlrecht ab 16“ haben, scheint die junge Generation stärker als bisher im Blick zu sein. Jugendliche, die schon positive Erfahrungen mit Beteiligung in ihrer Kommune gemacht haben, sind durchaus offen für weiteres politisches Engagement, wenn man sich sicher ist, dass sie auch in den nächsten fünf Jahren an ihrem Ort bleiben. Was kann getan werden, dass junge Menschen durchaus erfolgreich in den Gemeinderat einziehen? Eine Möglichkeit hierbei ist die Gründung einer eigenen jungen Liste:

„Ich wollte mich über Politik aufregen, aber ich wollte mich auch für Politik engagieren.“ (Zitat aus den Gruppendiskussionen mit den Engagierten von Jungen Listen in Baden-Württemberg)

Junge Listen sind … parteiunabhängige/überparteiliche Wählervereinigungen, die sich aus politikinteressierten jungen Menschen zusammensetzen. Hauptziel ihres Zusammenschlusses ist es, “junge Politik” im Gemeinderat zu machen und die Interessen der jungen Generation in die politische Öffentlichkeit zu bringen.

„Ich halte unsere Strukturen momentan für sehr gut und vorbildlich, wenn Jugendliche darüber schon an Politik ran geführt werden und zu Entscheidungsprozessen (…) im Vorfeld beratend gehört werden (…) grundsätzlich halte ich das für einen günstigen Weg, die Überalterung des Gemeinderates und das immer wieder die gleichen Menschen im Gemeinderat sitzen aufzubrechen.“ (Zitat aus den Gruppendiskussionen mit den Engagierten von Jungen Listen in Baden-Württemberg)

Diese sehr allgemeine Definition zeigt die Tatsache auf, dass es ein einheitliches Bild von Jungen Listen nicht gibt. Eine durchgeführte Recherche zu Jungen Listen hat gezeigt, dass es in Baden-Württemberg sehr unterschiedlich organisierte Junge Listengibt. In Bayern haben sie eine klare CSU Orientierung. Junge Listen z.B. in Nordrhein-Westfalen verstehen sich eher als linkspolitisch orientierte Liste. In Baden-Württemberg kam ein wesentlicher Impuls zur Gründung der Jungen Listen von der Jungen Union. Heute überwiegen die parteiungebundenen Zusammenschlüssen als Wählervereinigung.

Zwischen 1984 und 2004 wurden die meisten Jungen Listen gegründet. 2004 waren es 20 junge Listen, die erfolgreich in den Kommunalparlamenten vertreten waren. 2009 waren es schon wieder weniger, da einige Listen keinen eigenen Nachwuchs mehr gefunden haben.

Junge Listen sind mehr als nur ein paar junge GemeinderätInnen in Kommunalparlamenten. Sie verfügen meistens über eine Basis (häufig in Form eines eingetragenen Vereins) in den Kommunen, im Gemeinwesen. Die Junge Liste ist häufig eine jugendpolitisch aktive Gruppierung, die Teil eines gesamten jugendpolitischen Netzwerkes ist. Über einzelne gewählte junge Erwachsene ist eine Verzahnung des jugendpolitischen Netzwerks direkt mit dem Gemeinderat gesichert.

„Die Themen werden durch die Gemeinderatsarbeit vorgegeben, aber was wir uns von Anfang an vorgenommen haben, die Interessen der jungen Generation stärker in den Gemeinderat hinein zu tragen.“ (Zitat aus den Gruppendiskussionen mit den Engagierten von Jungen Listen in Baden-Württemberg)

Junge Listen werden im Vorfeld einer Wahl medial sehr wahrgenommen, da das Zusammenfinden junger Menschen und die Gründung einer eigenen Liste als ein interessantes Vorgehen bewertet wird. Die jungen KandidatInnen sind somit mit ihrer eigenen Liste wahrnehmbar. Und das wird auch von vielen erwachsenen WählerInnen wahrgenommen und auch honoriert. Die letzten Wahlen haben auch gezeigt, dass einzelne Listen von Wahl zu Wahl mehr Plätze dazugewonnen haben. Es gibt noch viele Informationen zu Jungen Listen und wer Lust bekommen hat, sich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen, der findet umfassende Infos zu Jungen Listen in Baden-Württemberg unter www.junge-listen.de

Jugendliche mobilisieren: Das Modell der Schulthementage

von Erik Flügge

370 Jugendlicher aller Schularten und Schulen aus Pforzheim kommen zusammen, um über ihre Stadt zu sprechen. Sie alle haben Anliegen ihrer Klassenkameradinnen und Klassenkameraden mitgebracht. Insgesamt werden so an einem Tag die Interessen von mehr als 4.000 Jugendlichen zusammen getragen. Ein Erfolg, der innerhalb von nur zwei Monaten möglich wurde.

Der Weg zu einem Jugendgemeinderat ist oft lang und steinig. Unterschiedliche Gremien, Fachämter und Funktionsträger müssen einbezogen werden und die innere Logik der Verwaltungen verlangt nach formal-rechtlicher Korrektheit. So entstehen Prozesse, die sich oftmals über viele Monate, gar Jahre ziehen, bis am Ende ein rechtlich korrekter mit Geschäftsordnung und Satzung ausgestatteter Jugendgemeinderat steht. Allerdings fehlt dann noch eines: Die Kommunikation mit der Gesamtheit der Jugendlichen.

Wie erreicht man heute noch Jugendliche? Via facebook oder whatsapp oder mit Flyern und Plakaten. Die Reichweiten beim Thema Jugendbeteiligung und Politik sind begrenzt. Denn nicht alle Jugendlichen interessieren sich für demokratische Teilhabe. Sie sind als junge Bürgerinnen und Bürger noch ungeübt mit der unserer demokratischen Staatsverfassung und haben weniger und schlimmstenfalls keine positiven Beteiligungserfahrungen in Elternhaus und Schule gemacht.

Dementsprechend schwierig ist es auf Flyer oder Soziale Netzwerke in der Kommunikation zu setzen. Denn jeder dieser Kommunikationsformen liegt das Prinzip der Viralität zu Grunde: Man muss darüber sprechen und es weitersagen, sonst kommt keiner. Viralität allerdings ist davon abhängig, dass jemand von der Sache an sich schon begeistert uns so sehr überzeugt ist, dass er oder sie es gerne und oft weitererzählt.

Die Konsequenz ist landauf, landab die gleiche: Die beteiligungsnahen, gut gebildeten Jugendlichen interessieren sich für die Jugendräte und aktivieren ihre Freundinnen und Freude für die Kandidatur und Wahlteilnahme und die Beteiligungsungeübten und Bildungsbenachteiligten bleiben unerreicht. Mit Politikverdrossenheit hat das nichts zu tun – denn der Verdrossenheit muss überhaupt erst mal ein Erstkontakt mit dem Politischen voraus gegangen sein.

Die Schulthementage knüpfen genau an diese Fragestellung an. Sie organisieren einen Prozess der wechselseitigen Verschränkung von schulischem Lernen und außerschulischer Beteiligung. Eine Form der Kooperation, die der Tübinger Schulpädagoge Marcus Syring „korrellative Kooperation“ nennt. Dieser Kooperationsform liegt ein selten in der Praxis umgesetzter Gedanke zu Grunde, der besagt, dass sowohl Schule, als auch der außerschulische Bereich jeweils einzigartige Stärken haben, die besonders im Zusammenspiel und in der wechselseitigen Anerkennung des anderen Lernortes zur Geltung kommen können.

In der Praxis heißt das: Die S&N Kommunalberatung bereitet gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern Unterrichtsentwürfe vor, die Beteiligung in der Kommune zum Unterrichtsthema werden lassen. Diese werden in Absprache mit der Stadtspitze und Schulleitungen parallel an allen Schulen einer Stadt in allen Klassen behandelt. Sie befassen sich mit Fragen der Kompetenzen einer Kommune und den einzelnen Anliegen der Schülerinnen und Schüler und münden in einer Wahl von Delegierten für ein zentrales Jugendforum.

 

Dort kommen Jugendliche aus allen unterschiedlichen Klassen und Schulformen zusammen, um ihre eigenen Anliegen und die ihrer Klassenkameradinnen und  – Kameraden miteinander zu diskutieren. Ein Diskurs über soziokuluturelle Unterschiede und Bildungsunterschiede hinweg – ganz im Sinne der deliberativen Demokratie nach Habermas. Eine Zusammenarbeitsform, wie sie besonders gut in außerschulischen Kontexten gelingt.

Die Kernkompetenz der außerschulischen Arbeit liegt allerdings in der Vermittlung eines glaubwürdigen Versprechens von Performativität. Im außerschulischen Raum sind Jugendliche eher geneigt den erwachsenen Akteuren Glauben zu schenken, dass ihre Artikulation von Anliegen nicht einem Einüben von Demokratie dient, sondern, dass die Debatte tatsächlich lebensweltverändernden und damit originär politischen Charakter hat.

Für viele Jugendliche kommt es in einem solchen Forum zu einem realen Erstkontakt mit dem Politischen.  Dieser wiederum motiviert ihren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden positiv von den Chancen der Beteiligung in der Kommune zu berichten. Im Resultat entscheiden sich aufgrund dieser Erfahrung und den Berichten über die Relevanz der eigenen Themen in der städtischen Politik viele Jugendliche für die Kandidatur zum Jugendgemeinderat und für weiteres politisches Engagement.

Die Veranstaltung wurde durchgeführt von der S&N-Kommunalberatung und moderiert von Erik Flügge, Udo Wenzl und Can Erdal. Auftraggeber war die Stadt Pforzheim. Prozessbegleiter der Stadt Pforzheim auf dem Weg zum Jugendgemeinderat war Udo Wenzl.

Die Logik des Gelingens der Jugendbeteiligung

von Udo Wenzl

SNK 1

Herr Spiess, welche Bedeutung hat die „Logik des Gelingens“ für die Beteiligung von Kinder und Jugendlichen?

Die Logik des Gelingens umfasst eine effiziente und nachhaltige Vorgehensweise, um (zwischen-)menschliche Probleme zu lösen. Diese Vorgehensweise besteht aus 2 Schritten: (1) Entwirf, bevor du etwas veränderst, eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie die Dinge sein werden, wenn das Problem gelöst ist! (2) Analysiere, bevor du etwas veränderst, was schon gut funktioniert!

Viele Menschen versuchen (zwischen-)menschliche Probleme mit einer Strategie zu lösen, die sich für technische Probleme bewährt hat: (1) Analysiere, bevor du etwas veränderst, die Ursachen des Problems! (2) Wenn du die Ursachen herausgefunden hast, verändere sie! Diese Strategie kann für die Lösung menschlicher Probleme manchmal nützlich sein. Sie ist jedoch sehr (zeit-)aufwändig und führt unter Umständen zu Ursachen, die wir nicht ändern können, sowie zu einer unproduktiven einseitigen Suche nach „Schuldigen“.

Wenn Menschen zur Lösung von (zwischen-)menschlichen Problemen der Logik des Gelingens folgen, gelingen ihnen häufiger allerseits befriedigende Lösungen. Dadurch erleben sie sich als selbstwirksam. Und genau das ist es, was die Motivation zur Mitwirkung an Beteiligungsprozessen begünstigt.

Was und wie können Kinder und Jugendliche in Beteiligungsprozessen lernen?

Im Rahmen von Beteiligungsprozessen können Kinder und Jugendliche lernen, dass sie „die Welt“ zu ihren Gunsten und in Auseinandersetzung mit anderen verändern können – und wie sie das am besten machen: eben in Orientierung an der Logik des Gelingens.

Was können ProzessbegleiterInnen dazu beitragen, die Stärken von Kindern und Jugendlichen in Beteiligungsprozessen zu fördern?

Indem Prozessbegleiter(innen) Veränderungsprozesse mit Kindern und Jugendlichen so moderieren, dass sie selbst der Logik des Gelingens folgen, werden sie diese fragen:

(1) Welche Vorstellungen habt ihr davon, dass die Dinge für euch so gut geworden sind wie nur denkbar? Was davon funktioniert schon gut? Was tragt ihr selbst dazu bei? Wie macht ihr das? Wie habt ihr das gemacht, dass ihr so gut geworden seid? Was müsste passieren, damit „die Dinge“ so werden, wie ihr euch das vorstellt? Was könnt ihr selbst dazu beitragen?

Dadurch lenken sie die Aufmerksamkeit auf die Stärken, welche die Kinder und Jugendlichen in den Beteiligungsprozessen zeigen und wie sie diese erworben haben.

Wie kann Ihrer Meinung nach eine lösungs- und entwicklungsorientierte Begleitung und Moderation aussehen, die möglichst viele Kinder und Jugendliche in Beteiligungsprozessen erreicht?

Ich kann mir vorstellen, dass bereits die Sozialpädagog(innen) in Kindertagesstätten im Sinne der Logik des Gelingens mit den Kindern kommunizieren. Sie fragen dann beispielsweise: Wie würde das aussehen, wenn „die Dinge“ so gut geworden sind für dich (für euch), wie du dir (ihr euch) das nur wünschen kannst (könnt)? Wenn du (ihr) an die jüngste Vergangenheit denkst (denkt), was funktioniert schon gut? Was trägst du dazu, was trägt jeder von euch dazu bei? Wie hast du (wie habt ihr) das gemacht, dass du (ihr) so gut geworden bist (seid)?

Die Lehrer(innen) könnten in der Schule mit einem solchen Kommunikationsstil weiter machen.

Auf diese Weise erfahren Kinder und Jugendliche, dass sie Einfluss nehmen können auf eine wünschenswerte Entwicklung „der Dinge“ sowie ihrer selbst. So können sie erkennen, wie sie zu Akteuren ihrer Entwicklung werden.

Nennen Sie drei gute Gründe, warum es ein Gewinn für die Kommune ist, wenn Sie die Stärken von Kindern und Jugendlichen in Planungsprozessen fördert.

Wenn Kinder und Jugendliche in der Kindertagesstätte und in der Schule beginnen, im Sinne der Logik des Gelingens zu denken und zu handeln, erwerben sie die Stärken, aktiv an Planungsprozessen auch in der Kommune mitzuwirken. Die Kommune kann sich dann darauf verlassen, in ihren Reihen so gebildete Bürger zu haben, die in Planungsprozessen effizient und nachhaltig mitwirken.

Walter Spiess, PhD, studierter Psychologe und Pädagoge ehemals Professor an der Universität Flensburg, liegt das lösungsorientierte Arbeiten mit so genannten schwierigen Jugendlichen am Herzen.