Wider die Pseudobeteiligung

Die Chance zur Beteiligung bedeutet nicht zwangsläufig, dass Jugendliche sich auch in Scharen beteiligen. Jugendbeteiligung ist alles andere als ein Selbstläufer. Das liegt nicht an fehlendem Interesse von Jugendlichen, sondern an einer kulturellen Entfremdung der Politik von der Gesellschaft. 

Erik Flügge

Erik Flügge

Jugendlichen die Chance zum Mitmachen einzuräumen ist das Anliegen vieler politischer Akteure. Ein redliches Bemühen, das oft nicht von Erfolg gekrönt ist. Da werden Flyer gedruckt und verteilt, Jugendforen organisiert oder Jugendgemeinderatswahlen ausgeschrieben und keiner kommt, keiner nimmt teil, niemand kandidiert. Ein Ausweis dafür, dass die Formen der Beteiligung dringend ein Update brauchen.

Jugendliche sind nicht desinteressiert an der Gestaltung ihres Lebensumfeldes. Sie haben nur gelernt, dass sie oft beteiligt werden und am Ende selten etwas passiert. Viel zu häufig werden sie zu pseudodemokratischen Mitmachveranstaltungen eingeladen. Viel zu häufig sind Jugendliche nur Dekoration, denn anerkannte Gesprächspartner. Oder wie anders könnte man die meisten Schülervertretungen beschreiben? Wahlen von Klassensprechern, die nichts entscheiden können, zu Schülerversammlungen, die wenig Einfluss auf das Schulgeschehen haben. Wie anders ließen sich Dialoge mit Landtags- oder Bundestagskandidaten beschreiben, bei denen „viel mitgenommen wird“ und „viel wichtiges gesagt wurde“, aber kein substantieller Beitrag entsteht.

Von Jugendlichen wird zu viel erwartet. Sie sollen benennen, wie sie gern beteiligt werden wollen. Sie sollen in halbtägigen Veranstaltungen Probleme lösen, für die andere nur Jahre brauchen und diese dann Verantwortlichen präsentieren. Diese loben zwar das Engagement, wissen aber auch, dass all dies so einfach nicht zu lösen ist. Warum laden wir dann Jugendliche ein, nur einen Tag zu diskutieren und zu überlegen?

Wenn Jugendliche ernsthaft an Politik partizipieren sollen, dann brauchen sie mehr als einzelne Veranstaltungen und Foren. Sie brauchen kontinuierliche Begleitung. Denn genauso unverständlich wie die Jugendsprache für Erwachsene, ist Verwaltungssprache für Jugendliche. Politik ist an sich fremd, unnahbar und in ihren Formalismen wenig reizvoll. Denn Formalismen und Verwaltungssprache stellen Hierarchien her. Die Sätze „das ist so nicht finanzierbar“ oder „eine schöne Idee, aber das ist aufgrund der Kommunalverfassung so nicht möglich“ entwerten einen schlauen Gedanken. Es sind Totschlagargumente, denen Jugendliche nichts entgegen setzen können.

Dabei geht es auch ganz anders. Beispielsweise in Offenbach an der Queich. Dort wünschten Jugendliche ein Kino. Selbstverständlich war dieses nicht bezahlbar, aber nun wird es eines geben. Denn nicht das schnelle Nein, sondern die Suche nach intelligenten Lösungen brachte die Stadt weiter. Filme können nun legal öffentlich durch die Kommune gezeigt werden. Nötig war nicht mehr, als eine ausführliche Recherche zu Film- und Vorführungsrechten. Damit gewinnt die Stadt an Lebensqualität hinzu.

Es bleibt ein frommer Wunsch, dass die Möglichkeit, dass Jugendliche Ernsthaftes zum Gemeinwesen beizutragen haben, in der Breite ernst genommen wird. Nicht weil Mandats- und Entscheidungsträger nicht den Wunsch hätten zu beteiligen, sondern weil sie nicht verstehen können, dass es Menschen gibt, die das, was sie den ganzen Tag selbst tun, für unglaublich ineffizient, unsinnig und unattraktiv halten.

Jugendliche wollen gestalten und sie können es auch. Sie können detailliert Probleme erarbeiten und Lösungen finden. Sie brauchen dafür genauso lange Zeit, wie die Erwachsenenwelt auch. Sie brauchen aber nicht nur Zeit, sondern auch die Ressourcen dies auf jugendgerechtem Wege zu tun.

 

 

 

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