Landrat Rückert: „Du darfst und sollst dich einbringen!“

Interview mit Landrat Dr. Klaus Michael Rückert Zur Rückschau nach der ersten Kreisweiten Jugendkonferenz am 26.04.2013 in der Kleinsporthalle des Beruflichen Schulzentrums Freudenstadt.

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Herr Dr. Rückert, was war Ihre Motivation, zum 40-jährigen Kreisjubiläum eine Jugendkonferenz durchzuführen?

Traditionell geht der Blick bei Bestandsjubiläen immer zurück auf das Erreichte, auf vergangene Zeiten, prägende Ereignisse und Menschen. Bei unserem diesjährigen Landkreis-Jubiläum wollten wir die wichtige Rückschau durch den Blick auf unsere Zukunft erweitern – dabei lag es nahe, die Bevölkerungsgruppe einzubinden, die den größten Anteil an dieser Zukunft hat: Jugendliche des Landkreises Freudenstadt.

Generell gewinnt das Thema „Jugendbeteiligung“ an Bedeutung und auch ich bin der Überzeugung, dass eine größere Jugendbeteiligung unserer Gesellschaft zuträglich sein kann. Durch eine solche Beteiligung kann vermittelt werden, dass eine demokratische Gesellschaft seinen Bürgerinnen und Bürgern Gestaltungsmöglichkeiten einräumt – und gleichzeitig auf das daraus erwachsende Engagement angewiesen ist: „Du darfst und sollst dich einbringen“. Rechte und Pflichten der Bürgerinnen und Bürger im Staat liegen hier nah beieinander.

Die Jugendkonferenz hat mit 120 Jugendlichen aus dem gesamten Kreisgebiet stattgefunden. Wie haben sie die Jugendkonferenz erlebt?

Ich habe engagierte Jugendliche erlebt, deren Willen, sich in die Lebenswirklichkeit des Landkreises einzumischen und diese mitzugestalten wirklich beeindruckend war. Aber nicht nur das Interesse war wirklich hoch, sondern auch die Sachkenntnis. Viele Themen wurden in einer bemerkenswerten Tiefe besprochen. Natürlich war auch das ein oder andere Thema dabei, dessen Realisierung mangels Zuständigkeit des Landkreises oder passender Umstände recht unwahrscheinlich ist. Aber hier gilt, dass der Gedanke erst später an der Praxis gemessen werden sollte und nicht aus der Praxis hergeleitet.

Interessant war auch die offene Struktur der Beteiligungsmöglichkeit. Jeder und Jede konnte sich entsprechend den eigenen Kenntnissen und Interessen in eine Gruppe einbringen, die daraus dann den Nutzen zog. Man konnte sich auch bei unterschiedlichen Themen einbringen oder nur lauschen. Letztendlich wurden alle Aufgaben und Themen des Landkreises, die zur Diskussion standen, auch bearbeitet.

Was waren die zentralen Botschaften der Jugendlichen an die Kreispolitik?

Information stand ganz oben auf der Wunschliste der Jugendlichen. Zugegebenermaßen hätte ich das zunächst nicht erwartet. Vielfach hört man, dass die Themen der Landkreisverwaltung – der Verwaltung generell – wenig Anklang bei Jugendlichen finden. Bei dieser Jugendkonferenz hat sich das Gegenteil gezeigt. Natürlich war die Bereitschaft an der Jugendkonferenz teilzunehmen ein Indikator für erhöhtes Interesse, aber das Ausmaß des Informationsbedürfnisses hat mich dann doch überrascht. Gefordert wurde, mehr über kommunalpolitische Themen zu informieren, da das die Grundlage für jede Beteiligung ist. Wie das Informationsbedürfnis befriedigt werden kann, sollte in der nächsten Zeit erörtert werden.

Ebenfalls wurde sehr deutlich, dass die Jugendlichen gar nicht so unzufrieden mit dem ländlichen Raum sind, wie es „landläufig“ kolportiert wird. Vielmehr gibt es eine weitgehende grundsätzliche Zufriedenheit mit dem Leben im Landkreis Freudenstadt – die aber auch keinesfalls in Stein gemeißelt ist. Jugendliche schätzen Konzerte, Disco und Kartbahnen ebenso wie Wald und Wiesen, Heimatverbundenheit und naturnahe Freizeitaktivitäten. Ein junger Mann schwärmte zum Beispiel über einen unserer hiesigen Radwege. Kritik gab es im Zusammenhang mit den hiesigen Einkaufsmöglichkeiten. Auch das kam deutlich an. Wir haben hier einen sehr guten Einzelhandel – dennoch fehlt wohl auch die eine oder andere Bekleidungskette, die die Nachfrage junger Menschen bedient.

Wie geht es jetzt nach der Jugendkonferenz weiter?

Zunächst werden die Ergebnisse der Jugendkonferenz noch von den Studenten, die diese Konferenz begleitet haben, verdichtet und aufbereitet. Die Jugendlichen selbst stellen diese Ergebnisse dann im Sommer im Kreistag vor. Dieser entscheidet dann, welche Themen auf welche Weise aufgegriffen werden – und wie es mit der Jugendbeteiligung auf Landkreisebene weitergeht, wenn der Aufhänger „40 Jahre Landkreis Freudenstadt“ ausgedient hat. Ich würde mich freuen, wenn sich eine Form der Jugendbeteiligung auf Landkreisebene bei uns etablieren könnte.

Nennen Sie drei gute Gründe, warum es für einen Landkreis ein Gewinn ist, wenn Sie regelmäßig mit den Jugendlichen im Austausch steht und die Jugendlichen eine Möglichkeit der Beteiligung und Mitwirkung haben?

Diese drei Gründe kann ich nur erahnen, da der Landkreis Freudenstadt trotz dieses Pilotprojekts „Jugendkonferenz auf Landkreisebene“ bisher keine Erfahrung mit einer regelmäßigen Beteiligung von Jugendlichen hat. Wenn es aber erlaubt ist, unter den „Gründen“ auch Vermutungen anzuführen, würde ich sagen, der Gewinn des Landkreises liegt darin, das sich die Gesellschaft, die hier lebt, weiter verbindet. Beteiligung von jungen Menschen schafft Verständnis für Bürgerliche Rechte und Pflichten, kann viel Tatkraft innerhalb der jungen Bevölkerung generieren und ist durch die Zusammenkunft von Menschen mit unterschiedlichsten soziodemographischen Merkmalen auch eine Möglichkeit für Begegnung und Austausch.

Das Interview führte Udo Wenzl.

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