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Kinderbeteiligung im kommunalen Raum – mit Kindern die Gemeinde erkunden!

Harald Kordes (Schulleiter) und Simone Wolff (stellvertretende Schulleiterin) – sind das Leitungsteam der Eugen Bolz Grundschule Brochenzell (Gemeinde Meckenbeuren im Bodenseekreis). Gemeinsam mit Manuela Mayer (Schulsozialarbeit), Ralf Schwaiger (Jugendreferat) und mit gut 30 Kindern der zwei 4ten – Klassen wurde das Konzept der Gemeindedetektive umgesetzt.

Ein ganz konkreter Weg, so Udo Wenzl, Artikel 12 (Berücksichtigung des Kinderwillens) der UN-Kinderrechtskonvention umzusetzen. Auch der Grundschulbildungsplan im Fächerverbund MENUK (Mensch, Natur und Kultur) stellt in seinen Leitgedanken zum Kompetenzerwerb „das tägliche partnerschaftliche, demokratische und weltoffene Handeln“ in den Mittelpunkt, was „zur Gestaltung eines zukunftsfähigen Verhältnisses der Schülerinnen und Schüler zur Heimat und zur Welt“ betragen soll. (Bildungsplan Grundschule 2004 des Landes Baden-Württemberg, S. 96) Auch heißt es: „Im Fächerverbund erwerben die Schülerinnen und Schüler Kompetenzen, die sie befähigen, sich an ihrer eigenen Beheimatung aktiv zu beteiligen…“

Mit Harald Kordes und Simone Wolff sprach Udo Wenzl

Was hat Sie dazu bewegt, mit den Kindern die Gemeinde zu erkunden und die Ergebnisse im Gemeinderat von Meckenbeuren vorzustellen?
Schon seit langem war es uns ein Anliegen, unsere Schulkinder auf dem Weg zu mündigen Mitbürgern dahingehend zu begleiten, dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern können und auch gehört werden. Das Projekt Kinderbeteiligung erschien uns eine ideale Möglichkeit, diese Ziele umfassender und öffentlichkeitswirksam umzusetzen.

Welchen Rahmen hat MENUK hierbei für die Umsetzung gegeben?
Wie bereits oben zitiert, wurden beim Projekt wichtige Zielsetzungen des Fächerverbundes umgesetzt. Darüber hinaus wurden aber auch bei allen anderen Aktivitäten im Verlauf des Projektes Kompetenzen geschult, die den Erwartungen des Fächerverbundes und den allgemeinen Zielsetzungen des Bildungsplans entsprechen. Zu nennen wären hier unter anderen folgende Kompetenzen: sich eine eigene Meinung bilden, Diskussionen in der Gruppe gewinnbringend führen, Ergebnisse klar und gut nachvollziehbar präsentieren, …

Wie erlebten Sie die Kinder Ihrer Grundschule bei der Umsetzung des Konzepts? Was waren Ihre eindrücklichsten Erlebnisse und Erfahrungen?
Die Kinder waren von Anfang bis Ende hochmotiviert, sehr konzentriert und sehr kreativ bei der Sache. Sonst übliche freundschaftsbedingte Gruppierungen lösten sich wie von selbst auf und verwandelten sich in sachbezogene interessensorientierte Gruppen. Diese Haltung: „Es geht um ein Ziel der Gruppe und nicht so sehr um mich als Einzelperson“ war eine von vielen wichtigen Beobachtungen. Auch konnte man den Stolz der Kinder darüber, dass sie als Zielgruppe im Mittelpunkt standen und sogar der Bürgermeister sich einige Stunden Zeit für sie nahm, deutlich spüren. Am eindrucksvollsten war es dann für uns zu erleben, wie die Kinder 30 Minuten lang mit unterschiedlichsten Präsentationstechniken sehr selbstbewusst und abwechslungsreich dem Gemeinderat und einer großen öffentlichen Zuhörerschaft ihre Ergebnisse vorstellten.

Die Kinder haben die Ergebnisse selbst im Gemeinderat vorgestellt. Wie hat der Bürgermeister und der Gemeinderat die Ergebnisse aufgegriffen?
Die Kinder bekamen unmittelbar nach der Präsentation sowohl vom Gemeinderat als auch vom Bürgermeister eine erste Stellungnahme, in der sogar einige wenige kleine Zusagen gemacht wurden. Geplant ist ein weiterer Termin, bei dem der Bürgermeister und eine Abordnung des Gemeinderats zur Schule kommen, um den Beteiligungsprozess inhaltlich fortzuführen.

Welche Empfehlungen können Sie Ihren Kolleg*innen in anderen Grundschulen geben?
Wer die Chancen, die ein solches Projekt den Kindern eröffnet, nicht nutzt, hat einen großen Schritt in die richtige Richtung verpasst.

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Kinder sollen und Jugendliche müssen! Mit der neuen Gemeindeordnung Kinder- und Jugendbeteiligung gestalten

von Udo Wenzl

Die neue Gemeindeordnung in Baden-Württemberg wurde Mitte Oktober im Landtag von Baden-Württemberg verabschiedet. Nun ist es amtlich: “Die Gemeinde soll Kinder und muss Jugendliche bei Planungen und Vorhaben, die ihre Interessen berühren, in angemessener Weise beteiligen.” Mit dieser Neuerung in der Gemeindeordnung nehmen wir nun auch im Ländervergleich eine Spitzenposition ein.
Die Gemeinden haben die Chance, passgenaue Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Politisch Verantwortlichen der Gemeinden und Städte sollten sich in aller erster Linie erstmal mit der jungen Generation darüber verständigen, was eine gute und auch neue Politik mit und für Jugendliche sein könnte.
Die Weiterentwicklung unserer Gemeinden und Städte sollte gerade mit denen gestaltet werden, die möglicherweise noch sehr lange in der Gemeinde leben sollen und wollen und oft auch leben werden. Manche Jugendliche werden aufgrund von Ausbildung und Studium ihren Lebensraum verlassen. Haben sie jedoch positive Erfahrungen mit ihm gesammelt, besteht durchaus eine große Chance, dass sie auch wieder in die Region zurückkommen wollen.
Gerade die im ländlichen Raum liegenden, meist kleineren Kommunen stehen vor der Herausforderung, Zukunftsperspektiven so zu entwickeln, dass sie auch weiterhin attraktiv für ihre, für alle Bürgerinnen und Bürger und somit auch für die junge Generation sind. Vor allem unter dem Aspekt der demographischen Entwicklung ist daher von geradezu existenzieller Bedeutung, auch den jungen Menschen eine Perspektive zu bieten.
Somit lohnt es sich jetzt, das passgenau Beteiligungsverfahren mit Kindern und Jugendlichen zu entwickeln. Nicht nur im ländlichen Raum sondern auch in den Städten und Ballungszentren. Eine kinder- und jugendfreundliche Kommunalpolitik, die Kinder und Jugendliche von Anfang an mit einbezieht, ist ein hierbei der zentrale Ansatz.

Die Gemeindeordnung setzt auf vielfältige Methoden und auf Partizipationsmix!
Der Jugendgemeinderat ist nicht die alleinige Form der Jugendbeteiligung. Vielmehr regt die Gemeindeordnung an, dass geeignete Verfahren der Beteiligung zu einer Jugendvertretung entwickelt werden sollen. Der Jugendgemeinderat stellt eine Form der Beteiligung dar. Auch haben Jugendliche jetzt selbst die Möglichkeit, das Thema auf die Agenda des Gemeinderats zu bringen. Gewinnbringend ist, wenn Jugendliche und Kommunalpolitiker*innen sich gemeinsam darüber verständigen, was ein sinnvoller Weg dahin ist.

Kinder und Jugendliche haben eine Stimme und eine Vorstellung von Zukunft!
Um insbesondere für die junge Generation als Kommune attraktiv zu bleiben, braucht es eine neue und eigenständige Jugendpolitik, die von Anfang an Kinder und Jugendliche aktiv mit einbezieht, bzw. den Raum gibt, dass Kinder und Jugendliche sich aktiv einbringen können. Würde dies geschehen, dann führt es dazu, dass sich die junge Generation von Anfang an als wichtiger Teil der Kommune fühlt und sich mit ihr auch identifiziert. Eigenverantwortung, Mitbestimmung und Mitsprache bieten jungen Menschen die Möglichkeit, ihre besonderen Interessen und Wünsche zu artikulieren und aktiv an der Gestaltung der eigenen Lebenswelt mitzuwirken. Nur so kann es gelingen, die Interessen der Kinder und Jugendlichen in ein ganzheitliches Konzept einzubinden, damit die Gemeinden und Städten sich zu kinder- und jugendfreundlichen Lebensräumen weiterentwickeln. Und hier geht es nicht nur um Betreuungsangebote für die Kleinsten.

Der Partizipationsblog von Erik Flügge und Udo Wenzl gibt viele Impulse! Erfahrungen und Überlegungen aus der konkreten Arbeit von Erik Flügge und Udo Wenzl sind in diesem Blog zu finden. Auch Impulse und fachliche Einschätzungen von erfahrenen Kolleg*innen, (Ober) Bürgermeistern und Stimmen von Jugendlichen.

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Wenn junge Menschen sich für eine bessere Mobilität einsetzen: Pavlos Wacker engagiert sich im Rat der Jugend

Pavlos Wacker aus Biederbach engagiert sich im “Rat der Jugend im Zweitälerland” und setzt sich für mehr Mobilitätsangebote in seiner Region ein. Biederbach und die Gemeinden Elzach, Gutach im Breisgau, Simonswald und Winden im Elztal arbeiten gerade in einem interkommunalen Mobilitätsprojekt zusammen. Gemeinsam mit der Großen Kreisstadt Waldkirch wollen sie das Mobilitätsangebot für Jung und Alt verbessern (siehe http://www.partizipations-blog.de/2015/08/mobilitaetsperspektive-im-laendlichen-raum-fuer-jung-und-alt/)

Wie bist du öffentlich in Deiner Region unterwegs und wie bewertest Du das Mobilitätsangebot im Zweitälerland?

Ich bin auf den ÖPNV angewiesen. Jeden Morgen fahre ich mit der Breisgau S-Bahn in die nächstgrößere Kreisstadt Waldkirch, um in die Schule zu gehen. Und nach der Schule zurück. Wenn ich Freunde besuche oder abends irgendwo hinfahren möchte, bin ich erneut auf den Zug angewiesen. Prinzipiell ist das Mobilitätsangebot in meiner Region in Ordnung. Zu Stoßzeiten zumindest, fahren vermehrt Buse und Züge, leider nur im ein Stunden Takt. Problematisch wird es früh morgens oder nachts, teils auch am Wochenende, wenn keine Öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs sind. Ich musste schon häufiger nachts meine Eltern kontaktieren, weil keine Züge oder Buse fuhren. Die Breisgau S-Bahn beispielsweise, fährt nur bis 23:00 Uhr. Es gibt nur gelegentlich Nachtbusse, die auch nicht alle Dörfer in der Region abdecken. Teilweise ist es verständlich, dass profitorientierte Verkehrsgesellschaften nur stündlich oder zu Stoßzeiten unterwegs sind. Darunter „leiden“ tun eben alle die, die auch am Wochenende oder nachts unterwegs sind, daher sind wir vor allem im ländlichen Raum, auf Nachhaltige Mobilitätsalternativen angewiesen.

Wie wichtig ist das Fahrrad bei Dir im Dorf und in deiner Region, um unterwegs zu sein?

Meiner Meinung nach ist das Fahrrad im ländlichen Raum essentiell. Ich wohne in Biederbach und muss, wenn ich Einkaufen, zum Freibad oder sonst wohin will, das Fahrrad nutzen. Wenn ich Zeit habe, fahre ich auch in die nächstgrößere Stadt Waldkirch. Außerdem wird das Fahrrad in meiner Region auch häufig zu sportlichen Zwecken genutzt. Da bietet sich der Schwarzwald besonders an.

Du engagierst Dich im Rat der Jugend. Was hat dich dazu bewegt und was sind die zentralen Themen und Anliegen?

Zwei Dinge. Das Problem der eingeschränkten Mobilität musste ich am eigenen Leib erfahren. Als ich vor einem Jahr hergezogen bin, habe ich schnell gemerkt was für ein immenser Unterschied es ist, in einer großen Stadt zu wohnen oder in einem Dorf. Vor allem im Jugendalter möchte man so frei und unabhängig sein, wie irgend möglich. Auf dem Land ist dies eben nicht so einfach. Im Alltag ist das eines der größten Einschränkungen, die man auf sich nimmt. Nicht Mobil zu sein.
Wegen meinem Interesse an Politik, hat mich ein Freund gefragt, ob ich den nicht mal Lust hätte zu einem Treffen des Rats der Jugend mitzukommen. Es hat vom ersten Tag an Spaß gemacht. Momentan geht es um den Ausbau von Mobilitätsangeboten, durch eine Mobilitätsplattform im Elz- und Simonswäldertal. Wie kann man die Mobilität im ländlichen Raum voranbringen? Wie wird Mobilität Nachhaltig? Wie kann man Entscheidungsträger dazu bringen, mit uns an einem Strang zu ziehen? Dies sind alles Fragen mit denen wir uns Beschäftigen.

Wann hat sich dein Engagement „gelohnt“?

Das tolle an einer Jugendbeteiligungsinitiative ist, dass wir ständig die Möglichkeit bekommen etwas langfristig zu verändern. Am schönsten ist es, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, dass man ernst genommen wird. Beispielsweise haben wir im Stuttgarter Landtag die Möglichkeit bekommen mit Abgeordneten unseres Wahlkreises zu sprechen. Bei einem weiteren Treffen mit Senioren und Menschen mit Behinderung, konnten wir das Projekt vorstellen und haben Input erhalten für das weitere Vorgehen. Dies waren sehr motivierende Treffen, die mich persönlich zum Weitermachen animiert haben.

Was glaubst du, wie sich Dein Leben nach der Schule gestalten wird?

Nach meinem Abitur nächsten Sommer würde ich gerne Politikwissenschaften studieren. Auf jeden Fall möchte ich weiterhin in Projekten aktiv bleiben. Es macht unheimlich Spaß und es ist schön zu sehen, dass man etwas zu langfristigen Lösungen beitragen kann. Schön wäre es zu sehen, ob das hiesige Mobilitätsprojekt von der Bevölkerung angenommen wird. Aber ich glaube, dass das Projekt zukunftweisend und eine seriöse Alternative zu dem bisherigen Mobilitätsformen wird!

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Mobilitätsperspektive im ländlichen Raum – für Jung und Alt!

Ein Praxisbeispiel aus dem Zweitälerland (Elz- und Simonswäldertal, Landkreis Emmendingen)

von Udo Wenzl

Mobilität ist heute zu einem Stück Selbstverständlichkeit geworden, gehört zum modernen Leben und ist eine wesentliche Grundlage für die Teilhabe am öffentlichen Leben. Sie ist notwendig, um zur Arbeit, zur Schule, zum Einzukaufen und/oder zu Freizeitorten zu gelangen. Gerade in den ländlichen Regionen ist die Weiterentwicklung der Mobilität ein wichtiges und zukunftsweisendes Thema. Nicht nur für die Jugendlichen einer ländlichen Region, sondern auch für die älteren Mitbürger*innen, die z.B. bewusst auf ihr Auto verzichten möchten, besteht großer Handlungsbedarf, da die klassischen Mobilitätskonzepte mit einem ausgedünnten Netz an Linienbussen und Regionalzügen in vielen ländlichen Gebieten besonders für die Bedürfnisse der Jugendlichen nicht mehr ausreichen. Die Suche nach passgenauen Mobilitätsangeboten hat begonnen und die Zahl der Mitfahr-Plattformen nimmt zu.

Damit junge Menschen in der Region, in der sie aufgewachsenen sind, bleiben, brauchen sie mehr bedarfsgerechte Mobilitätsangebote. Dies allein schafft der ÖPNV nicht. „Wir müssen für die Zukunft auch verkehrsträgerübergreifend denken. Und beispielsweise die Dienstleistung von Carsharing-Anbietern und Mitfahrzentralen in die Planungen (des Personennahverkehrs – Anmerkung des Autors) mit einbeziehen. Internet und Smartphones sind da hilfreich, denn sie erleichtern es Kunden, eine Dienstleistung unkompliziert abzurufen“ so z.B. die Geschäftsführerin der Südbadenbus GmbH Simone Stahl (Quelle: Badische Zeitung 05.12.2014).

Viele ländliche Regionen arbeiten bereits an nachhaltigen Mobilitätskonzepten. Es lohnt sich diese genauer unter die Lupe zu nehmen. Ganz aktuell nimmt der Schwarzwald-Baar-Kreis an einem Pilotprojekt mit flinc und Südbadenbus teil. Einzelne Kommunen, wie z.B. St. Georgen (Schwarzwald), oder einige Kommunen im Rems-Murr-Kreis haben eine Mitfahrbörse (in beiden Fällen mit flinc) eingerichtet. Die Halbinsel Höri im Landkreis Konstanz hat mit „Höri mit“ ein ganz eigenes System des Mitfahrens entwickelt (www.hoeri-mit.de).

Jugendliche und der „Rat der Jugend“ setzen sich für mehr Mobilität ein – Halbzeit beim Modellprojekt im Zweitälerland Im Anschluss an das LEADER – Projekt „Die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum“ (http://www.partizipations-blog.de/2015/02/die-zukunft-der-jugend-im-laendlichen-raum-ein-leader-projekt/) startete der „Rat der Jugend im Zweitälerland“ mit der Umsetzung der Projektidee zur Einrichtung einer Mobilitätsplattform durch. Allen Beteiligten war klar, dass es hierzu erstmal einen Vorlauf benötigt. Es fand daher bereits eine Mobilitätskonferenz mit rund 80 Teilnehmer*innen, mit Referenten von SBG SüdbadenBus GmbH, der flinc AG (eine dieser Mobilitätsplattformen) und dem Landratsamts Emmendingen statt. Auch wurde eine Diskussionsveranstaltung mit den Seniorenräten und Beiräten für Menschen mit Behinderung aus den Gemeinden des Elz- und Simonswälder Tales mit über 30 Teilnehmer*innen organisiert. Die Unternehmen wurden mit ins Boot geholt. Es fand eine Schulung zur „Nachhaltigen Mobilität“ mit 15 Jugendlichen statt, die jetzt wiederum als Multiplikatoren in Schulen, Vereinen und in Jugendtreffs Mobilitätsworkshops anbieten und durchführen. Vertreter*innen des ‚Rats der Jugend‘ haben das Projekt im Kabinettsausschuss für Bürgerbeteiligung der Landesregierung und beim Jugendlandtag Baden-Württemberg (www.wasunsbewegt-bw.de) vorgestellt.

Stand der Dinge ist, dass zwei der möglichen Mobilitäts-Plattformen in der engsten Auswahl sind und im September eine Entscheidung getroffen wird, welche der angebotenen Plattformen für die Region am besten passt.

Die Jugendlichen bringen sich, mit Unterstützung eines Projektteams, als Expert*innen in eigener Sache ein. Verbesserungsmöglichkeiten für den ÖPNV sowie Ideen für weiterführende Mitfahrsysteme wurden diskutiert und konkrete Lösungsvorschläge erarbeitet. Auf Initiative des „Rats der Jugend“ wurde gemeinsam ein Netzwerk mit den Gemeinden (Bürgermeistern), Senior*innen und Unternehmen aufgebaut, um die Umsetzung der Verbesserungsvorschläge möglich zu machen. Das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg unterstützt das Projekt der Jugendbeteiligung sowie das Bildungsangebot zur „Nachhaltigen Mobilität“ finanziell. Im Rahmen einer Bildungsfahrt in den Landtag von Baden-Württemberg wurde das Projekt u.a. den Wahlkreisabgeordneten und dem begleitenden Mitarbeiter des Verkehrsministerium vorgestellt (siehe: http://www.jungerlandtag-bw.de/files/live/sites/yltbw/files/dokumente/Mobil%20im%20Tal.pdf).

Die Jugendlichen setzen sich interkommunal dafür ein, das Mobilitätsangebot in ihrer Region nachhaltig zu verbessern. Die Umsetzung rückt in greifbare Nähe. Dieses Projekt zeigt, wie politische Bildung und Beteiligung ganz konkret und verzahnt gestaltet werden kann und gibt Impulse dafür, wie in einer ländlich geprägten Region interkommunal zusammen gearbeitet wird.

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Plädoyer gegen den runden Tisch

Runde Tische sind ein beliebtes Mittel, wenn Politik sich nicht traut, im Allgemeininteresse zu entscheiden. Leider sind die Ergebnisse von runden Tischen in Fragen der allgemeinen Stadtgestaltung meist eine Ansammlung von kleinsten Partikularinteressen, die viel zu oft Verhinderung statt Ermöglichung zum Ziel haben. 

von Erik Flügge

Wenn ein Platz, eine Treppe, eine Promenade, ein Club, ein Kulturzentrum, ein Biergarten, Kindergarten oder irgendeine andere Einrichtung beliebt ist, dann hat diese auch Gegner. Orte, die gerne aufgesucht werden, finden in den Anwohnern oft Feinde. Lärm und Schmutz sind die Begleiterscheinungen gerne besuchter Orte und natürlich stellen diese Begleiterscheinungen echte Belastungen der Anwohnerinnen und Anwohner dar. Die Konsequenz sind Eingaben, Petitionen und Klagen.

Die unmittelbar negativ von einem erfolgreichen Ort Betroffenen haben das gute Recht, sich gegen den Erfolg dieses Ortes zu wehren. Wenn sie vor Gericht Erfolge erzielen, weil ihre Rechte eingeschränkt werden, dann muss man sich als Politik diesem Urteil stellen und Veränderungen vornehmen. Unsinnig erscheint mir der mehr und mehr zunehmende vorauseilende Gehorsam der Politik. Warum werden bereits vor Gerichtsurteilen runde Tische eingerichtet, die zu nichts anderem führen, als dazu, dass den wenigen Gegnern ein Forum geboten wird, von dem die vielen Nutzer ausgeschlossen sind?

Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen, die Abends gemütlich auf einem Platz sitzen und sich unterhalten, sich nicht organisieren. Wie sollte diese Organisation von statten gehen? Wie sollten sie, die sie vielleicht einmal oder zweimal im Monat einen beliebten Ort aufsuchen und damit zu Lärmemissionen beitragen, sich angesprochen fühlen, an einem runden Tisch zu eben diesem Lärm teilzunehmen? Wer ist die legitime Vertretung von tausenden von Menschen, die einen Ort mit Aufenthaltsqualität genießen?

Am Ende sitzt man am runden Tisch mit den negativ betroffenen. Politik hört bei diesen Formaten nur Bedenken, nie etwas über die Chancen. Die Interessen der ganz wenigen werden nicht realistisch den Interessen der ganz vielen entgegen gestellt, sondern überproportional stark gegenüber diesen aufgewertet. Demokratisch sinnvoll ist das nicht.

Mein Anspruch an Kommunalpolitik ist, dass die Verantwortlichen sich selbst ein Bild von beiden Seiten machen. Sie müssen ein Verständnis dafür entwickeln, wie viele Menschen von einem schönen Ort profitieren und sich ein Bild davon machen, wie viele Menschen betroffen sind. Am Ende müssen sie eine Entscheidung für das Gemeinwohl treffen. Am runden Tisch gemeinsam mit nur den negativ Betroffenen, wird diese Gemeinwohlentscheidung sicherlich nicht entstehen.

Deliberative Foren, statt Betroffenenrunden

Der Ausweg aus dem Dilemma ist gar nicht so schwer. Ein Forum, bei dem Menschen aus einem Stadtgebiet repräsentativ und zufällig ausgewählt werden, kann solche Fragen besser diskutieren. Diese Bürger sollen dann Stimmen von bewusst angefragten Nutzern eines Platzes und von Anwohner hören. Sie sollen diskutieren, was im Interesse der Stadt und was im Interesse der Anwohner ist. Sie verschaffen damit der Kommunalpolitik zusätzliche Legitimität, wenn diese sich schon nicht alleine traut ihr Mandat wahrzunehmen.

Es gilt eben in einem solchen Forum alle unterschiedlichen Stimmen zu Wort kommen zu lassen, nicht nur ein Partikularinteresse. Mit einer offenen Einladung wird dies erfahrungsgemäß nie gelingen. Es gilt Menschen per Zufall auszuwählen und diesen hinterher zu telefonieren, damit sie auch tatsächlich an diesem Bürgerforum teilnehmen. Nur so entsteht Repräsenativität.

Es könnte aber auch eine andere Frage helfen: “Wo ist die Mehrheit?” statt “Wo ist der lauteste Widerstand?” – mit einer ehrlichen Beantwortung dieser Frage könnten sich Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker auch einfach dafür entscheiden, nicht jeden geliebten Platz zum Problem, sondern zum Erfolg zu erklären.

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Neues Konzept geht auf: 160 jugendliche Expert*innen beraten Jugendhilfeausschuss in Villingen-Schwenningen

von Franz Sauerstein (http://franzsauerstein.de/)

Villingen-Schwenningen wagt sich an den Prozess Jugendbeteiligung und kombiniert dabei bewährte Methoden mit noch nicht dagewesenen Ideen – mit durchschlagendem Erfolg: Der Gemeinderat von Villingen-Schwenningen gab in Auftrag ein Jugendbeteiligungskonzept zu entwickeln. Udo Wenzl schlug eine Beteiligungswerkstatt in Verzahnung mit einer offiziellen Sitzung des Jugendhilfeausschusses vor. Auf diese Weise können die teilnehmenden Jugendlichen hautnah und sofort erleben, wie auf Ihre Ideen und Engagement reagiert und es weitergetragen wird. Die Idee titelt eindrucksvoll und in Deutschland einmalig: 160 jugendliche Experten beraten den Jugendhilfeausschuss Villingen-Schwenningen!

Wirkungsvolle Kommunikation im Social Web sprengt Münsterzentrum: Der Startschuss für die Anmeldung zur Beteiligungswerkstatt wurde im Januar 2015 auf der Website www.jugendbeteiligung-vs.de und auf Facebook gegeben. Das Anmeldeformular musste frühzeitig offline genommen werden, da die immer höher werdenden Teilnehmerzahl die bereit gestellte Infrastruktur zu sprengen drohten. Am Ende fanden sich 160 Jugendliche im Münsterzentrum ein, um ihr Modell der Jugendbeteiligung zu finden. Die heranwachsenden Villinger-Schwenninger schlagen einen Jugendgemeinderat beziehungsweise eine gewählte, verbindliche Form der Jugendbeteiligung in Verzahnung mit einem Jugendforum vor. Am Modell werden wir von Anfang an mit einer Gruppe Jugendlicher weiterarbeiten. Nebenbei entdeckten die jungen Experten Stärken und Schwächen ihrer Stadt, entwickelten Ideen, planten Treffpunkte, diskutierten ihre Mobilität und die Anbindung der ländlichen Ortsteile, besprachen ihre Freizeitgestaltung und sprachen sich für Bildung und Schulsanierungen aus.

Website und Facebook erreichen und aktivieren Jugendliche: Die Onlinepartizipation in Villingen-Schwenningen stützt sich auf eine Facebookseite und eine Website mit angebundenem Forum. Über die Facebookseite können schnell, kostengünstig und umfassend Jugendliche in Villingen-Schwenningen über Themen, Ideen und Diskussionen informiert und aktiviert werden. Die Website bietet mit ihren jugendrelevanten Nachrichten und dem Diskussionsforum einen Sammelplatz für junge Villinger, Schwenninger und aus den eher ländlich gelegenen Ortsteilen.
Seit dem Jugendforum verfügt die Facebookseite über 327 aktive Follower und konnte durch ihre hohen Interaktionsraten knapp 15.000 Leute in VS erreichen. Innerhalb von 7 Tagen nach dem Jugendforum interagierten 2601 Menschen mit “Jugendbeteiligung in Villingen-Schwenningen”, drücken also ihre Zustimmung zu Beiträgen und Diskussionsbeiträgen aus und diskutieren selbst mit. Das ist eines der besten bekannten Ergebnisse für Online-Jugendbeteiligung in einer Kommune in Baden-Württemberg.

Keine Einheitslösung für Kommunen: Die Statistik zeigt, dass Facebook in Villingen-Schwenningen ein Kanal ist, mit dem man viele Jugendliche erreichen, ansprechen und aktivieren kann. Es gibt kein Rezept, um Onlinepartizipation zu garantieren, aber mit Erfahrung und Know-How kann man für jede Gemeinde eine passende Lösung finden.
Ich habe Villingen-Schwenningen empfohlen die Verantwortung über die Facebook- und Internetseite in Zukunft einem städtischem Mitarbeiter mit messbaren Erfahrungen und Erfolgen in Sachen Social Web zu übergeben und ein Team von Jugendlichen für die Mitarbeit an der Facebookseite, der Website und dem Forum zu begeistern.

Die Website www.jugendbeteiligung-vs.de sollte zur zentralen Plattform für Jugendliche in VS ausgebaut werden. Für diese Aufgabe und die Promotion der Arbeit der Jugendbeteiligung offline, online und insbesondere in den sozialen Medien sollte ein dreistelliges, monatliches Budget bereitgestellt werden.

8erRat Udo Wenzl Erik Flügge

Im Rausch des 8erRats

Wohl selten hat ein neues Beteiligungsmodell so viel Euphorie ausgelöst wie der 8erRat. Egal wem wir von dem Modell berichten, stets ist die Reaktion die gleiche: Überall will man den 8erRat erproben.

von Erik Flügge

Auf dem Bundesnetzwerktreffen Kinder- und Jugendbeteiligung spreche ich in diesem Jahr zum ersten Mal. Ich berichte vom 8erRat, den Udo Wenzl und ich als neues Beteiligungsmodell in der Kommune entwickelt haben. Unser Anspruch heißt, wir wollen, dass alle Jugendlichen in einer Kommune eine konkrete Beteiligungserfahrung machen und nicht nur ein paar gewählte. Wie jedes Mal, wenn wir von dem Gedanken berichten, lösen wir Begeisterung aus.

11008445_10153121676938468_1386189325306966562_nBegeisterung bei Beteiligungseuphorikern, wie sie sich beim Bundesnetzwerk Kinder- und Jugendliche treffen, auszulösen ist recht einfach. Wann immer jemand zeigt, wie vor allem Beteiligungsferne einbezogen werden können, geht uns allen, die wir Beteiligung ermöglichen wollen, das Herz auf. Leider scheitern wir mit diesem Ansatz allzu oft dann bei den Kommunalen Entscheidungsträgern. Ganz anders beim 8erRat.

Udo Wenzl ist diese Woche in Gaggenau. Eine badische Stadt, in der gerade Aufbruchsstimmung herrscht. 80 Jugendliche aus den Schülervertretungen sind gekommen, um gemeinsam mit dem erfahrenen Beteiligungsexperten über die Einführung des 8erRates in Gaggenau zu beraten. Am Ende sind sich Jugendliche, Ratsmitglieder, Oberbürgermeister, Schulen und Verwaltung einig: Wir wollen den 8erRat.

Die Stadt Gaggenau hat sich viel vorgenommen, genau wie Freiburg und immer mehr andere Städte. Sie wollen alle Achtklässler in einem strukturierten Prozess ein Jahr lang zu aktiven Beteiligten in der Kommune machen, die ganz konkret ihre Lebenswirklichkeit gestalten und für Veränderungen um politische Mehrheiten ringen. Dafür müssen sie nicht gewählt werden, sie müssen sich nur einbringen und ihre Ideen auf den Tisch legen. Unterstützt werden sie dabei von der Jugendarbeit, den Schulen und den Städten.

Udo Wenzl und ich haben uns ein Ziel gesetzt: Wir wollen, dass Jugendbeteiligung endlich allen Jugendlichen zu teil wird. Begeistert sind wir jetzt wirklich davon, dass Jugendliche, Schulen, Politik und Verwaltung diesen Wunsch gemeinsam teilen. HERZLICHEN DANK!

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Wütende Bürger – Beteiligung muss anders werden

Nicht jede Bürgerbeteiligung ist eine Bereicherung für das Gemeinwesen. Oftmals werden Formate der Beteiligung gewählt, die derart unattraktiv sind, dass sich nur radikale Gegner eines Projektes zusammen finden und die eigentlich wohlgesonnene Mehrheit schweigt. Das frustriert zu Recht Verantwortliche in den Städten und Gemeinden. Die Konsequenz heißt nicht weniger Bürgerbeteiligung, sondern mehr. 

von Erik Flügge

Alle Anwohner eines Bauvorhabens werden zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Eine verantwortliche Person aus der Kommune präsentiert das Vorhaben. Tumult artige Zustände herrschen im Raum. Aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger rufen immer wieder dazwischen. Wut kocht hoch. Die Verantwortlichen fühlen sich missverstanden, die Bürgerinnen und Bürger auch.

Es ist Alltag geworden für Stadtplanerinnen und Stadtplaner, dass sie in Versammlungen neue Straßenführungen und Gebietserschließungen vor Gruppen präsentieren, die ihnen ihre ganze Wut entgegen schleudern. Wo immer gebaut wird, gibt es Leute, die negativ von dem Vorhaben betroffen sind. Sie wehren sich lautstark, während die Profiteure der Maßnahme sich nicht zu Wort melden. Es ist das gute Recht von Bürgerinnen und Bürgern, sich gegen Nachteile zur Wehr zu setzen, es muss aber in einer Demokratie auch immer Ziel sein, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen.

Der Fehler liegt in der Form

Formen der Beteiligung haben massiven Einfluss auf den Stil, in dem miteinander diskutiert wird. Wenn sich Kommunalverantwortliche vor eine Gruppe aufgebrachter Bürgerinnen und Bürger stellen, um bereits weitestgehend zu Ende Geplantes zu präsentieren, dann ist von vorn herein klar, wo dieses Gespräch enden wird: In einem Wir gegen die! “Wir, die Bürgerinnen und Bürger, die übervorteilt werden, gegen die von der Stadt, die da vorne stehen und kein Verständnis für unsere Bedürfnisse haben.”

Ein Gefühl der Ohnmacht macht sich breit, man fühlt sich überfordert und in die Ecke getrieben und eine natürliche Reaktion von Menschen auf eine solche Überforderung ist es, mit Wut zu reagieren. Nur wo Wut im Spiel ist, da versagen konstruktive Argumente. Noch so gute planerische Ansätze prallen an der Wand aus Emotion einfach ab.

Bürgerbeteiligung braucht Know How

Es ist nicht das Kerngeschäft von Stadtplanerinnen und Stadtplanern sich mit den Gefühlen von Menschen in Diskussionssituationen zu beschäftigen. Sie befassen sich beruflich mit Verkehrsströmen, mit der Luftversorgung von Stadtteilen, mit Kostenkalkulationen und Planungsverfahren. Ihre Expertise sind die Sach- und Fachfragen rund um das Planen und Bauen. Weil viele von ihnen das wissen, holen sie sich Beteiligungsspezialisten dazu. Erschütternd ist nur, wie oft diese angeblichen Spezialisten groben Unfug empfehlen.

Es ist nie dienlich eine Planerin oder einen Planer vor eine Gruppe zu stellen um etwas in Fachsprache präsentieren zu lassen. Es ist aber genauso wenig dienlich nur Unterstützung dabei zu leisten, die Fachsprache in die Sprache der Bürgerinnen und Bürger zu übersetzen. Moderation von Beteiligungsvorhaben muss mehr leisten, als Metaplankärtchen von den Bürgerinnen und Bürgern beschreiben zu lassen. Sie muss eine emotional positive Grundlage schaffen, damit überhaupt ein echter Diskurs möglich wird.

Die Planung von Beteiligungsvorhaben hat viel mit Know How zu tun. Man braucht Wissen über Räume, über gruppendynamische Effekte, über den Einfluss von Präsentationsformen und Zusammensetzung auf die innere Konstitution einer Gruppe, um dann die richtigen Empfehlungen an eine Kommune geben zu können. Viel zu oft setzen Beratungsfirmen auf billige Aushilfen, die dann nett lächelnd versuchen eine komplexe Aufgabe ohne das nötige Hintergrundwissen zu lösen.

Am Anfang einer guten Bürgerbeteiligung stehen zentrale Fragen:
– Wen müssen wir zu einer Beteiligung einladen, damit ein echter Dialog der Bürgerschaft untereinander zu Stande kommt und keine Konfrontation zwischen Stadtverwaltung und Bürgerschaft?
– Wie muss das Verfahren gewählt sein, damit nicht nur Gegner eines Vorhabens zusammen kommen, sondern auch Befürworterinnen und Befürworter?
– Wie können die planerischen Grundlagen des Vorhabens von allen Bürgerinnen und Bürgern verstanden werden, so dass ein größerer Gesamtzusammenhang für die Stadt über den eigenen Tellerrand hinaus auch erdacht werden kann?
– Wie muss ein Raum gewählt und bestuhlt werden, damit von Anfang an mehr Dialog und weniger Konfrontation angelegt ist?
– Welche Diskussionsform ist dienlich, damit es zu einem echten Austausch anstatt eines Schlagabtausches kommt?
– Wie kann mit allen Sinnen eine Planung nachvollzogen werden, damit man sich nicht an einzelnen Argumenten festbeißt, sondern offen wird für neue Lösungen?
– Wie können Kommunalverantwortliche gut auf eine solche Beteiligung vorbereitet werden, damit sie nicht in Konfrontation zu den Bürgerinnen und Bürgern geraten?
– Wann ist der richtige Zeitpunkt im kommunalen Planungsverfahren, um Bürgerinnen und Bürger zu beteiligen, damit die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger auch vernünftig eingeplant werden können?

Echte Bürgerbeteiligung kann viel zum Frieden in der Bürgerschaft beitragen und sie ist geeignet Planungen massiv zu verbessern, wenn sie richtig gestaltet wird. Das gelingt nur, wenn die Bürgerinnen und Bürger in ihrer eigenen Nutzerperspektive ernst genommen werden und wenn diese gleichsam die Grenzen ihres Mitsprachespielraumes vor Augen haben. Dabei ist ein Vertrauen darauf, dass keiner der Beteiligten per se zum Nachteil des anderen handeln will, eine Grundvoraussetzung, die aber erst aufgebaut werden muss und nicht vorausgesetzt werden kann.

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Beteiligung

Ein gutes Beispiel für die erfolgreiche Schaffung eines Dialogklimas ist die Beteiligung zum Berneckstrand in der Stadt Schramberg. Der Kommunalberater Udo Wenzl hat diesen Prozess solide geplant und moderiert und darum ist er ein Erfolg geworden.

Der Berneckstrand ist ein altes Freibad in Schramberg, das zu einem Freizeitgelände umgeplant werden soll. Zumeist ältere hatten dabei die große Sorge, dass sich das Gelände zu einem Sammelplatz für marodierende Jugendliche entwickeln könnte. Auf Einladung des Oberbürgermeisters moderierte Udo Wenzl eine Begegnung von Senioren und Jugendlichen. Um von Anfang an die Konfrontation zwischen den beiden Gruppen aufzulösen, bat der erfahrene Moderator zuerst die Senioren den Jugendlichen von ihren Erfahrungen mit dem alten Freibad jeweils in Zweiergesprächen zu berichten. Der Effekt war beeindruckend. Die Perspektive der Senioren wurde verschoben – und zwar auf die eigene Jugendzeit in Schramberg.

Die Senioren berichteten von ihren Erfahrungen als junge Menschen mit dem Freibad. Von schönen Nachmittag und vom Verlieben, von Spaß im Wasser und dem schönen Zusammensein als junge Menschen. Alsbald lösten sich auch die geballten Fäuste in den Taschen, denn plötzlich wurde für die Gegner des Projektes klar, dass sie selbst auch schon von diesem Strand profitiert hatten. In der Folge entstand ein echtes Gespräch und eine wirkliche Auseinandersetzung über Wünsche und Sorgen.

Heute ist der Berneckstrand eröffnet und ein voller Erfolg, weil es einen Dialog zwischen Interessensgruppen in der Bürgerschaft gab, anstatt einer künstlichen Konfrontation zwischen Gegnern und der Stadtverwaltung.

Hätte man zu Anfang mal wieder die typischen bunten Karten voll geschrieben und sich danach rein auf der Argumentebene zum Projekt auseinander gesetzt, hätten sich die Fronten in der Versammlung mit großer Sicherheit gegeneinander aufgeschaukelt. Das Ergebnis wäre weder Dialog noch Beteiligung, sondern nur ein Schlagabtausch gewesen.

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Der 8erRat – Ein neues Beteiligungsmodell nimmt Fahrt auf!

von Erik Flügge

Es ist die wohl schönste Erfolgsgeschichte, die Udo Wenzl und ich gemeinsam erlebt haben. Vor rund einem halben Jahr entwickelten wir auf der Bodenseeinsel Mainau ein neues Modell der Jugendbeteiligung: Den 8erRat. Veröffentlicht haben wir diese Idee in einem kurzen Blogbeitrag mit dem Titel “Alternative zum Jugendgemeinderat? – Das Modell des 8erRat“. Seither steht unser Telefon nicht mehr still. Eine Kommune nach der nächsten meldet sich und will das Modell mit uns entwickeln und erproben.

Wenn Udo Wenzl und ich zur Zeit kontaktiert werden, dann geht es oft um den 8erRat. Die Berichte aus ganz unterschiedlichen Kommunen klingen dabei stets ähnlich. Im Rat gebe es einen breiten Konsens, dass man Jugendliche beteiligen will. Man habe vor ein paar Jahren sogar einen Jugendrat beschlossen und eingeführt, aber so richtig funktioniert es eben nicht. Mal fehlen die Kandidatinnen und Kandidaten, mal die Ideen im Gremium. Es bleibt unbefriedigend.

Am meisten stört die Verantwortlichen in den Kommunen, dass ein Jugendrat nur so wenige Jugendliche zu Beteiligten macht. “Da sind doch fast alle außen vor” sagt eine Kollegin und macht ihrem Frust Luft, dass gerade die Jugendlichen mit wenig Engagementerfahrung und sozial schwächerem Elternhaus keine Chance im Jugendrat haben.

Nicht überall scheitern Jugendräte, aber sie scheitern viel zu oft, als dass man von einem Erfolgskonzept sprechen könnte. In jedem Fall beteiligt ein Jugendrat nur eine kleine Anzahl junger Menschen in einer Kommune. Das Ziel vieler Verantwortlicher ist aber, möglichst alle Jugendlichen für Demokratie und Engagement zu begeistern.

Der 8erRat wird Realität

2015 haben sich nun eine ganze Reihe Kommunen mit Udo Wenzl und mir mit meinen Kollegen von der S&N Kommunalberatung auf den Weg gemacht, den 8erRat zu entwickeln und zu erproben. In mancher Kommune sind wir in einer frühen Diskussionsphase, in der man das Modell erst einmal besprechen möchte, in anderen Städten laufen schon ganz konkrete Planungen mit Schulen, der Stadtverwaltung und der Jugendarbeit. Das Modell begeistert viele, aber es hat auch seine Hürden.

Wie gelingt uns echte Beteiligung, wenn die Teilnahme am 8erRat verpflichtend ist? Mit welcher Methodik lösen wir die Klassenrollen an zentralen Veranstaltungen mit Achtklässlern auf? Wie schaffen wir schulartübergreifende Kommunikation zwischen Schülerinnen und Schülern? Wie kann der Politikunterricht vernünftig an die Erfahrungen aus dem 8erRat anschließen? Wie setzt die Kommune Ziele und Ideen der Jugendlichen gemeinsam mit diesen um und wie kann ein Engagementanschluss für die Jugendlichen sicher gestellt werden?

Es sind eine Menge Fragen offen, aber es sind die richtigen Fragen. Denn alle diese Fragen befassen sich mit der Lösung von Problemen, die Jugendbeteiligungsverfahren seit Jahrzehnten ausblenden. Normalerweise arbeitet man mit Simulations- und Pseudoformen, wenn alle Jugendlichen etwas mitmachen sollen, oder man schließt über das “Prinzip der Freiwilligkeit” die Desinteressierten von vornherein aus, wenn man echte Partizipation ermöglichen will. Selten operiert man mit so großen Anzahlen an jungen Menschen gleichzeitig und wenn dann nur über Wahlen und Fragebögen, aber nie, indem man jede und jeden Einzelne und Einzelnen zu echten Beteiligten macht.

Wow, ein riesen Ding und wir sind heute noch heillos überfordert. Das Tolle ist, dass der 8erRat uns und so viele unserer Kolleginnen und Kollegen in den Kommunen bei der Pädagogen-Ehre gepackt hat. Wir wollen, diese Probleme lösen und nicht noch weitere Jahrzehnte aufschieben.

Unser Ziel 

Mit dem 8erRat wollen wir ein Modell entwickeln, das in vielen Kommunen funktionieren kann. Wir begreifen die Jahre 2015 – 2017 als große Modellphase, in der ganz unterschiedliche Lösungen in unterschiedlichen Städten und Gemeinden erprobt werden, so dass es nach drei Jahren ausreichend Erfahrungswissen gibt, damit auch andere diesen Weg gehen können.

Wer heute schon mutig mit seiner Stadt oder Gemeinde mit voran gehen will bei der Entwicklung des 8erRats, darf sich gerne bei uns melden. Wir freuen uns definitiv über noch viele Kommunen, die mit uns einen neuen Weg in der Beteiligung von Jugendlichen gehen wollen.

Die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum – ein LEADER – Projekt

In Biederbach, Elzach, Gutach im Breisgau, Simonswald und Winden im Elztal wurde die Jugendbeteiligung interkommunal auf den Weg gebracht. Von Januar bis Dezember 2014 setzten sich die Jugendlichen  mit Bürgermeistern und Gemeinderäten an einen Tisch, um mit ihnen über ihr Lebensgefühl, ihre Bedürfnisse und ihre Zukunftsperspektiven zu diskutieren. Für alle Seiten eine enorme Bereicherung, so Roland Tibi, der Elzacher Rathauschef, der die Federführung des interkommunalen Projektes hatte. „Ich bin heute von dem Engagement und den Ideen begeistert, die das Beteiligungsprojekt „Die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum” hervorgebracht hat“, so Roland Tibi. Das Projekt wurde von Udo Wenzl begleitet und aus dem LEADER-Programm der EU finanziell gefördert.

image002Udo Wenzl im Gespräch mit Bürgermeister Roland Tibi. 

„Was war für Sie die Motivation das Projekt „Die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum“ auf den Weg zu bringen?“

„Wir haben einen Weg gesucht, wie man als Kommune, als Bürgermeister, als Verwaltung aber auch als Gemeinderat an die jungen Menschen herankommen kann. Die jungen Menschen im oberen Elztal äußern sich nicht zu politischen Themen. Wir haben eine unpolitische Jugend, während die Erwachsenen z.B. in Elternvereinen und Senioren-Verbänden ihre Interessen artikulieren, machen das die Jungen nicht. Und daher sahen wir eine ausgezeichnete Möglichkeit mit den jungen Menschen ins kommunalpolitische Gespräch zu kommen.

„Warum wurde das Projekt von Anfang an interkommunal durchgeführt?“

„Unsere jungen Menschen sind im oberen Elztal auch interkommunal aufgestellt. Dass sich die Jugendlichen ausschließlich in ihren Ortschaften aufhalten, gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr. Beispielsweise gibt es über die Schulen Verbindungen über die Gemeindegrenzen hinweg, die wir natürlich aufgreifen. Im Übrigen waren wir im oberen Elztal und im Simonswäldertal Tal der Auffassung, dass dieses ein Thema ist, dass man unbedingt interkommunal angehen sollte.“

„Was war für Sie das Interessanteste im Projekt?“ 

„Für mich waren zwei Dinge sehr interessant: Zum einen konnten wir bei den Schulveranstaltungen eine große Zahl von jungen Menschen ansprechen und tatsächlich auch erreichen. Da wurden Hindernisse abgebaut, die zwischen den Jugendlichen und der Position und Funktion des Bürgermeisters standen. Wir haben tolle Gespräche geführt und echt gute, sinnvolle und interessante Anregungen erhalten, an die wir als Bürgermeister, Gemeinderäte oder Verwaltungsmitarbeiter bisher gar nicht gedacht hatten.

Das zweite war, dass auf Grund der zeitgleich stattfindenden Kommunalwahl auch sämtliche Parteien und Gruppierungen unsere Aktion „Die Zukunft der jungen Menschen im ländlichen Raum“ in ihre Arbeit mit aufgenommen und ebenfalls das Gespräch gesucht haben. Und auch dort gab es ganz interessante Begegnungen und viele Ideen, die bis heute in die Arbeit der Parteien und Gemeinderatsfraktionen eingeflossen sind.“ 

Ein Film über das LEADER –Projekt: Im Rahmen des Projekts „die Zukunft der Jugend im ländlichen Raum“ wurde eine Filmdokumentation erstellt. Der Film stellt Methoden und Vorgehensweisen vor und soll Gemeinden Appetit machen, die das Thema angehen wollen, aber noch keine klare Vorstellung über das „wie“ haben. Der Film ist über die Internetpräsenz der LEADER Aktionsgruppe Südschwarzwald zugänglich (www.leader-suedschwarzwald.de).

Wie geht es konkret im Zweitälerland weiter?

Ein Ergebnis war der „Rat der Jugend“, der jetzt ganz konkret mit neun Mitstreitern an einem Mobilitätsprojekt arbeitet. Gemeindeübergreifend wird ein Lösungskonzept für die eingeschränkte Mobilität erarbeitet, dass die Mobilitätsbedürfnisse von Jung und Alt optimal abdecken soll. Entwickelt werden hierzu ein regionales Online-Portal auf der Basis von flinc (www.flinc.org) im Zusammenwirken mit Südbadenbus. Für dieses Projekt haben die Gemeinden und der Rat der Jugend vom Verkehrsministerium Fördermittel in Höhe von rund 16.000 Euro erhalten.